Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden. (Franz Kafka)
Vorlesen bei meinen überlegungen, warum libertarismus irgendwie so uncool daherkommt, bin ich auf den gedanken gekommen, dass es an dem zentralen begriff desselben, dem des eigentums, liegen könnte.
ganz pragmatisch angefangen: wenn ich ein buch verkaufe, welche sicherheit habe ich, dass ich nicht hehlergeld annehme, geld also, das aus diebstahl oder betrug stammt? richtig: gar keine. ich vermute es lediglich. oder genauer: ich nehmen eine eigentumsfiktion für bare münze. dabei kommt es gar nicht darauf an, welche eigentumsideologie ich vertrete, eine christliche, eine marxistische oder eine libertäre. keine eigentumsdefinition hilft mir in concreto auch nur ein zipfelchen weiter.
mit solcher tatsächlichen blindheit geschlagen kann das gesamtgesellschaftliche tauschgeschäft (wirtschaft) nur gelingen, wenn eine eigentumsfiktion in jedem einzelnen tauschfall vorausgesetzt wird – sozusagen der knappheitskommunikation nicht dadurch der boden unter den füssen entzogen wird, dass die zum zeitpunkt des tausches empfundene knappheit durch zu genaues und zeitaufwändiges nachforschen der berechtigung der knappheitsverhältnisse selber zum diskussionspunkt werden kann. wenn ich in einem geschäft eine uhr kaufe, frage ich doch nicht erst, ob diese uhr dem geschäftsinhaber auch wirklich (d.h. auf eine für mich akzeptable art+weise) gehört (gibt es noch einen aktiven eigentumsvorbehalt des lieferanten? sind die uhren geklaut? ist der uhrenladen eg-gefördert (mit zwangsgeldern subventioniert)?) etc. – frage ich nicht: ich geld // er uhr: tausch!!! nur die ganz sensiblen fragen vielleicht, ob kinderarbeit oder sonstige unmässige ausbeutung von mensch/tier/natur bei der produktion eine rolle gespielt haben könnten – nebenbei: an denen sollten sich die eigentumsfetischisten ein beispiel nehmen und ihre tauschaktionen unter hartes, faires eigentumsmoralkuratel stellen!
auch die kasuistische mühsal der generierung eines konsistenten immateriellen eigentumsbegriffes und erst recht die fastige unmöglichkeit der durchsetzung desselben im praktischen sollte zu denken geben: hier gibt es keine chance, eine tatsächliche knappheit kommunikativ befriedigend und befriedend zu behaupten (butter kann real knapp sein (lokale beschränktheit), digital kopierbares nie (unbeschränkte internationale)), um einen klassischen beidseitig knappheitsvermindernden tausch durch imagination der unumgänglichkeit desselben zu initiieren: er ist umgänglich umgehbar.
kurz: die dichotomie ‘eigentum/nichteigentum’ ist zwar notwendig für das funktionssystem wirtschaft (wie die dichotomie ‘gut/böse’ für die moral), aber der realitätsgehalt der in dieser dichotomie festgehaltenen eigentumsbehauptungen ist mehr als fabelhaft – selbst rothbard braucht in seiner politischen ethik viele buchseiten und viele kniffe (die allerdings in seiner privaten denklogik durchaus sauber und folgerichtig konstruiert sind), um aus dem dunkel der geschichte (und eigentum ist ein geschichtliches phänomen: wer hat wann geklaut, erbeutet, geschaffen, vererbt, erlogen, erfunden + verschenkt …) eine aktuell gültige eigentumslandschaft nach seinem gotteseigentumsbild zu kneten (Die Ethik der Freiheit, 2.Aufl. Academia Verlag 2000, S. 66 ff)
uncool an vielen emanationen des aktuellen libertarismus ist ihre rückständigkeit: sie orientieren sich theoretisch an den verhältnissen einer mittelalterlichen stadt, eines kaiserlichen hoflieferanten oder eines biedermeierlichen tabakgeschäftes, nicht aber an einer weltweit gestreuten und von verschiedensten und sich widersprechenden quellen gespeissten knappheitskommunikation. es wäre dringlich, dass auch die libertäre wirtschaftswissenschaft mit einem ungemeinen sprung vom 19ten in’s 21te jahrhundert spränge (mal vergessend, dass sie mit ontologischer arroganz sich als universell dünkend schon längst selbst erwürgt hat …)
never: ontologie, letztbegründung + naturrecht. wer so spricht, versündigt sich gegen die einzelnen zappelnden helden und looser des augenblicks – wobei ich, der reife meiner leser vertrauend, davon ausgehe, dass der begriff des versündigens ein zartes schmunzeln in ihnen erzeugt und meine dichotomie von helden und loosern ein beachtliches stirnrunzeln …
Vorlesen komisches gefühl, einsam durch die alten fabrikhallen zu streifen: wo früher muntere stimmen schallten; die wände mit den produkten von morgen zugehängt waren, skizzenhaft und daher zauberhaft; und immer irgendwer da, den man mit seinen aktuellen spinnereien zupflastern konnte, ohne dass die müllabfuhr gerufen wurde …
sicher malt die erinnerung mit goldenen pinseln (warum sonst sollte man sich erinnern?) … aber irgendwie muss ich mich erst daran gewöhnen, dass alle offenen türen zugenagelt zu sein scheinen. soll ich ‘freibier’ rufen, um die letzten, die noch nicht beim selbstbezahlten aldi-bier ihrem eigentum frönen, von den bäumen zu pflücken?
ja, vielleicht eine gute idee … aber da versagt meine stimme treffsicher – es gibt kein freibier, nirgends. jeder, der mit so ‘nem schmarr’n ankommt, will irgendetwas retour: tausch, rosstäuscher, wiNNwiNN
nehmt euch die freiheit (bierfrei) – ich kehre noch ein wenig die letzten krümel aus der hauptproduktionshalle + geh’ dann schlafen + böse träumen.
Vorlesen auf mises.de (sowieso ‘ne geile site) findet sich gleich auf der startseite ein artikel, der mir exzessiv gut gefällt:
Rolf W. Puster: Zur Attraktivität der libertären Botschaft – Rede, gehalten auf dem Libertären Jahrestreffen 2010, „Große Freiheit 01“ in Hamburg, 12./13. Juni 2010
besonders attraktiv finde ich pusters ausführungen zum konservatismus (weil er das, was bei mir immer unbeholfen wütend herauskommt, elegant sine ira et studio – und damit angemessener – erledigt):
Konservativismus ist freiheitskompatibel, solange er ein heuristischer Konservativismus bleibt, also lediglich als Anregungspotenzial für die private Lebensgestaltung genutzt wird. Konservative Sinnangebote können das Leben von Libertären ähnlich bereichern, wie vegetarische Gerichte den Speisezettel von Fleischessern bereichern können; aber so wenig ein schmackhaftes vegetarisches Gericht dazu taugt, die Vorlieben von Fleischessern prototypisch zu verkörpern, so wenig taugen konservative Sinnangebote dazu, libertäre Ideale prototypisch zu verkörpern.
und (ich kann’s mir nicht verkneifen):
Nennen wir behelfsweise, aber – wie ich meine – durchaus nicht willkürlich, die Ideale einer von Armut, Hunger und Krankheit freien Welt “linke Ideale“. Meines Erachtens besteht aus libertärer Sicht keinerlei Anlass, an solchen linken Idealen Anstoß zu nehmen. Anstößig ist vielmehr, dass der sozialistische Etatismus diese gerade bei Schülern und Studenten häufig anzutreffenden linken Ideale unter Ausnutzung ihrer ökonomischen Unbedarftheit für sich vereinnahmt und in Staatsgläubigkeit ummünzt. Daher sollten Libertäre im Gegenzug durch ökonomische Aufklärung diese Begeisterung für die Verbesserung elender Verhältnisse in anti-etatistische und anti-sozialistische Bahnen lenken. Das oft blinde Wüten der Libertären gegen alles, was nach Sozialismus riecht, hat ohne Not die von mir so genannten linken Ideale diskreditiert [...]
frische luft für freies atmen …
Vorlesen unseliges beispiel ist die fast beliebige – politisch motivierte – revidierbarkeit, knetbarkeit, interpretierbarkeit von sog. juristischen texten (vulgo: gesetzen). fast wünschte ich mir, gesetze müssten wie bei den altvorderen noch in steintafeln eingemeisselt werden :: steuersteinmetze würden an überarbeit krepieren, an den blutenden schwielen ihrer meisselhände. geologische formationen mindestens vom range eines weltkulturerbes würden einerseits abgetragen werden müssen, um platz für all die piefigen neuerungen der sog. gesetzgeber bereit zu stellen; zum anderen entstünden neue weltkulturerbschaften, die aus den zertrümmerten alten gesetzlichkeiten sich speisten – all das bleibt unsichtbar im digitalen :: weil die achtung vor einmal gefassten vorsätzen und entscheidungen spurenlos zu tilgen ist, im digitale nirvana versickert.
so gesehen wünschte ich mir einen materiellen zweitkörper des digitalen, der gleich dem bilde des dorian gray die laster des missbrauchs bildlich, materiell erfahrbar speicherte, während das digitale original frisch + unverbraucht + untadelig wie am ersten tage sich zu präsentieren weiss.
Vorlesen irgendwann hat jemand (schiller | tell) geschrieben: die axt im hause erspart den zimmermann. vielleicht hat es vorher, im artikulationsprozess, auch ganz anders geheissen – vielleicht klüger (die axt im hause erspart den scheidungsanwalt) oder vielleicht dümmer (die kruppmultimix im hause erspart die haushaltshilfe) :: keine ahnung.
aber witZZich ist es schon, die eigene abwehr der verletzung der scrosanktheit von tradierten texten zu spüren. vielleicht wäre dieser satz nie formuliert worden, wenn das abendessen vorher aus blähendem sauerkraut bestanden hätte und die gedanken auf anderes geleitet hätte: andere bilder, andere assoziationen, andere regeln.
ein grund, warum ‘geistiges eigentum im internet’ mir vergebene liebesmüh zu sein scheint: die kopierbarkeit, änderbarkeit, flüchtigkeit des digitalisierten wortes (wird schon dadurch deutlich, dass ‘zitieren’ von internetemanationen schon eine kleine wissenschaft zu werden scheint – zumindest aber jedes zitat mit einem zeitstempel gewissermassen das kainsmal des unfertigen, zeitanfälligen, verfallsdatumbehafteten trägt).
das gedächtnis des internets ist elefantÖÖs – seine fähigkeit, das einmal gespeicherte in 100 variationen ebenso ernsthaft wie das original nochmals und ebenso feststämmig zu speichern aber ebenso. es gibt hier kein recht des erstgeborenen auf wahrheit, höhere dignität oder eigentumsansprüche. feudale reste und bürgerliche ansprüche treffen hier auf ein unfeudales und unbürgerliches medium.
internet ist tendenziell prollig. trotz aller feinseelen, die meinen, hier veredelnd in irgendwelche breschen springen zu müssen. die buchkultur wird nicht aufgekündigt (das würde eine metareflektion auf systemischer ebene voraussetzen): sie wird verdaut, ausgeschlachtet, zerkrümelt. vernutzt.
wer einmal beobachtet hat, wie es verschlissenen sofas in der mühle des sperrmülleinsammlers ergeht, ahnt, wie es in wenigen jahren aussehen wird … ob ich darüber traurig sein werde, weiss ich noch nicht. wahrscheinlich nicht mehr.
Vorlesen auf 3sat-ankündigung: ‘NetzNatur – Wie ein Schmetterling die Welt veränderte’. ich dachte: ey, geil, chaostheorie (der berüchtigte schlag des schmetterlingsflügels, der den tornado oder so …) und netzarchitektur des www und längst anderswo … wer ist der flügel, was das chaos, wo der tornado … dachte ich, frühvergreistes kind meiner zeit, besser: kind meiner frühvergreisten zeit … aber: fetter frust!!! es ging um die seidenraupen, um spinnerei und seidenklamotten. gähn!
romantik ist langweilig. so langweilig wie bürgerliche werte und das stillvergnügte streichquartett und familienapotheosen und der liebe gott. reanimierte kadaver – in politikpsychologisch-ästhetischem wachkoma – belebt von den eisernen lungen der illusionsmachthaber.
diese reaktionäre quacksalberei macht es mir echt schwer, gute manieren + beethovens streichquartette (z.b.) oder gar bachs matthäuspassion (von klemperer geleitet!!!) weiterhin aufs äusserste zu schätzen: die naseweis-auftrumpfende nachbarschaft zeigt eigentlich an, dass man sich in solch’ kontaminierten gebieten nicht weiter aufhalten sollte, wollte man keinen schaden an der seele nehmen oder in ein falsches licht geraten.
never mind.
Vorlesen das buch ist ein ziemlicher klopfer! ich verstehe nicht die hälfte (und das ist schon fast gelogen) – aber die 10 prozent, die bei mir ankommen, werden eine zwar unzuverlässige aber tragfähige startrampe für weiteres begreifenwollen darstellen.
Hier die unterste schicht der rampe, mein punkt, an dem ich begreife und den es für mich zu entfalten gilt:
“Was in der Kunst sichtbar wird, ist [...] die Unvermeidlichkeit von Ordnung schlechthin. Daß hierbei transhierarchische Strukturen, selbstreferentielle Zirkel, transklassische Logiken und alles in allem größere Freiheitsgrade in Anspruch genommen werden, entspricht den gesellschaftlichen Bedingungen der Moderne und zeigt an, daß eine in Funktionssysteme differenzierte Gesellschaft auf Autorität und auf Repräsentation verzichten muß, Die Kunst zeigt, daß dies nicht, wie Traditionalisten befürchten könnten, auf einen Ordnungsverzicht hinausläuft.” [Niklas Luhmann: Die Kunst der Gesellschaft, stw 1303, S 241]
Vorlesen woran erkennt man, dass jemand die wahrheit sagt?
ist es wichtig, dass jemand die wahrheit sagt?
Vorlesen “Stoppt das Gespräch mit den Psychologen. Werdet zu dem Problem, für das ihr bisher eine Lösung gesucht habt und das ihr damit von euch fern gehalten habt. Das kann nicht gut gehen. Man kann sich nicht von sich selber fernhalten.” (dirk baecker :: zu finden hier …)
ein fulminanter satz, gebildet an reflexionen über das (inzwischen vergangene) fussballweltmeisterschaftsspiel deutschland :: england. irgendwann in der fabrik (nicht mehr gefunden) hatte ich mal formuliert, dass an einem micky-mouse-heft mehr zu lernen sei als an (z.b.) der lektüre von kants ‘kritik der reinen vernunft’. that’s it!
Vorlesen Hinweis auf einen sehr interessanten Artikel von Dirk Baecker (Ansteckung und was man gegen sie tun kann) …
Je unsicherer in einer zukunftsoffenen Welt die Frage beantwortet werden kann, wie es weitergeht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Populationen von Menschen, Ereignissen und Interessen nicht etwa ausschwärmen, um den evolutionären Pool möglichst diverser Möglichkeiten auszunutzen, sondern sich ganz im Gegenteil wechselseitig suchen und aneinander orientieren, um solange dasselbe zu tun, bis kritische Zustände erreicht werden, die nur durch eine Entwicklung abgelöst werden können, die zu neuen kritischen Zuständen führt.
Dieses Ge_Lemminge (Soziophysik) wird mit einer Überlegung abgeschlossen, die mir fast ein wenig Mut dazu gibt, hier und anderswo virtuell weiter zu strampeln:
Man spricht miteinander, weil man nicht weiß, welche Anschlüsse der andere sucht. Man bevölkert die Welt mit Dingen, Ereignissen, Prozessen und Systemen, weil sie einen Unterschied machen, der genutzt werden kann, um andersartige Beobachtungen, dazu passend oder nicht (wer will das entscheiden?), anzuschließen. Es gibt keine Eins-zu-EinsÜbersetzung, -Abbildung oder -Umsetzung welcher Wirklichkeit und welchen Entwurfs auch immer, sondern nur Dopplungen beziehungsweise Parallelaktionen, in denen jede Wiederholung bereits eine Verschiebung, jede Rekursion schon wieder eine Iteration ist [...] Deshalb sind Systeme [...] Medien der Aufklärung [...] Sie bieten jenes Minimum eines Verweises auf die Umwelt, das jeden Anschluss hinreichend unwahrscheinlich werden lässt und doch zugleich Beobachtungen rekrutiert, denen auffallen kann, was stattdessen passiert.
Versucht mal, das so zu lesen wie ein Gedicht … 
man spricht
miteinander
weil man
nicht weiss
welche
anschlüsse
etc.