Vorlesen

Michael Schmidt-Salamon / Helge Nyncke: “Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Ein Buch fĂĽr alle, sie sich nichts vormachen lassen”, Aschaffenburg 2007.
Habe das Buch bestellt, bevor es ggf. verboten wird. Heute gekriegt.
Gerade komme ich von der Messe. Während der Messe darüber nachgedacht.
Erst wenn man sich mit Glaubensanfechtungen auseinandersetzt, kann man glauben.
Erst wenn man fĂĽr die Freiheit der Andersdenkenden eintritt, ist man Christ.
Vergib uns unsere Schuld,
wie wir vergeben unseren Schuldigern, spricht der HErr.
Wo wird das gelebt?
Das Verstörende an dem Buch ist, dass auf kindgerechte Weise die lebensfeindlichen Kernaussagen der drei abrahamitischen Religionen aufgezeigt werden.
Es ist NICHT antisemitisch. Es ist ebenso antijudaisch wie antichristlich wie antiislamisch. Juden, Christen und Moslems werden satirisch-karrikierend dargestellt. Textlich und bildlich lächerlich gemacht. Z.B. Christen haben den Auftrag vom HErrn, Spott, Anfeindungen und Verfolgungen zu ertragen.

Die Frage ist: Darf man Kindern solche Texte zumuten?
Wenn Religionen vereinfachend an Kinder wenden sich dĂĽrfen, dĂĽrfen das ebenso die Atheisten.
Wenn Religionen Aussagen machen, die menschenverachtend verstanden werden können (z.B. Opferung von Isaac), dann sind sie gefordert, das, was sie als Missverständnis gesehen wissen wollen, auch nachvollziehbar (ggf. also kindgerecht!) richtig zu stellen – verbieten oder auch nur verbitten von Kritik zählt nicht.

Wieviel Unheil hat z.B. die (gängig falsch verstandene) Lehre von der “ErbsĂĽnde” in den jungen und ebenso in den alten Seelen angerichtet? ErbsĂĽnde verstanden als individuell zugerechnete Schuld ist zweifellos Produzent von krankmachendem schlechten Gewissen und von brutalen Kollektivschuld-Szenarien. Man jubelt, wenn Bomben tausende von “Ungläubigen” zerfetzen.
Nein, die “ErbsĂĽnde” ist keine individuell zugerechnete Schuld, sondern das Tragen der Folgen der SĂĽnde der ersten Eltern. Adorno spricht (wie Thomas von Aquin) von “beschädigter Natur”.
Zu schwierig fĂĽr Kinderseelen?
Aber die Angstversion – die sollen sie hören?
Zu schwierig auch fĂĽr die meisten Erwachsenen. Ich treffen kaum einen, mit dem man ĂĽber “soetwas” sprechen kann, ohne rot zu werden.

Ein Versuch: Durch Genmanipulation oder Atomkrieg oder … wird eine Mutation hervorgerufen, sodass alle Menschen nur noch einbeinig auf die Welt kommen und zur Fortbewegung Krücken brauchen. Die Nachkommen tragen die Folgen der Sünde (Auslösung der Genmutation), aber sind nicht individuell schuldig. Nun kommt ein Wissenschaftler, der meint, die Mutation rückgängig machen zu können. Die Krückenhersteller, die den Staat beherrschen, lassen ihn verfolgen ihn und die Justiz droht, ihn zu töten. Vor seinem Tod verspricht der Wissenschaftler, zu dem angemessenen Zeitpunkt zurückzukommen und seine Lösung zu präsentieren.
Nun ja, an der Story muss zugegebenermaĂźen noch gefeilt werden. Das Prinzip sollte deutlich werden.

Nochmals zu dem Buch: Leute, die die Aussage des Buches, Religion sei lebensfeindlich und menschenverachtend, nicht mögen, sollten dagegen angehen, indem sie die lebensbejahende und humane Seite der Religion deutlich machen, nicht indem sie die, die die These vertreten, anzeigen.

Der Kaplan, der mich 1998 in Sinnersdorf gefirmt hat, hielt z.B. Predigten wie diese:
“Dass es euch gut geht, das will Jesus Christus!”
Darin bestand die ganze Predigt. Kein weiteres Wort, sondern Lobgesang.
Das ist, was ich von Religion erwarte.
Gänzehaut.
Keine weiteren Worte.

“Wo bitte geht’s zu Gott?”
Auf Umwegen.
Und auf denen vergesst nicht: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet, spricht der HErr.