Der Staat sei die große Fiktion, sagte Frederic Bastiat, nach der sich jedermann bemühe, auf Kosten jedermanns zu leben. Ich weiß nicht, ob das französische Original die Frage entscheidet, ob der Staat als Fiktion bezeichnet wird oder die Vorstellung, auf Kosten von jemand anderen leben zu können. Beide Interpretationen wären auch gewissermaßen falsch. Der Staat ist ebenso eine Realität wie die Tatsache, dass durch ihn einige auf Kosten anderer leben können, nämlich Politiker, Bürokraten und alle Netto-Steuer-Empfänger. So war z.B. die historische Kraft, die hinter der Etablierung (schein-) kostenloser öffentlicher Schulen steckte, der Wunsch von Mittelschicht und Unternehmen, Ausbildungskosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen.
Wenn wir Staat jedoch unter dem Gesichtspunkt dynamischer Interaktion betrachten, bekommt Bastiats einen guten Sinn: Da die Netto-Steuer-Zahler, sofern sie 1. über Bewusstsein der Steuerausbeutung und 2. über politischen Einfluss verfügen, versuchen, den negativen Saldo auszugleichen und womöglich umzukehren, wird das Geflecht immer komplexer. Eine exakte Analyse von Netto-Zahlung und Netto-Konsum von Steuergeldern wird immer schwieriger. In vielen Fällen wird es zur Illusion, Netto-Empfänger zu sein.
Doch ebenso wird es für viele zur Illusion, Netto-Zahler zu werden. Der Autofahrer kann annehmen, dass sein Steueraufkommen den Staatshaushalt saniert oder dass das Defizit der Bahn damit ausgeglichen wird. Der Bahnfahrer kann annehmen, dass mit seinen Steuern Autobahnen finanziert werden, die er nicht benutzt. Der Operngänger kann annehmen, dass mit seinem Geld der Polizeieinsatz bei Fußballspielen bezahlt wird. Der Fußballfan kann annehmen, dass es eine Steuergroschen sind, die in die Kultursubventionen fließen. Der Wertekonservative nimmt an, dass der Staat durch Scheidungsfolgekostenreglungen u.a. Maßnahmen die Familie zerstört. Der Kritiker der bürgerlichen Kleinfamilie nimmt an, dass der Staat mit Ehegesetzen, Steuerrecht, Kindergeld u.a. Maßnahmen eine veraltete Institution schützt. Die deutsche Mittelschichtfamilie meint, die Bildungskosten für unbelehrbare Ausländerkinder bezahlen zu müssen. Ausländische Arbeitnehmer meinen, zur Sanierung des deutsche Rentensystems gezwungen zu werden.
Viele kleine, jeweils mehr oder weniger wichtigen Beispiele, die ad ultimo weitergeführt werden können. Das Fatale daran ist allerdings, dass aus dieser (scheinbaren) Staatsverdrossenheit keine Opposition gegen den Etatismus entsteht. Der Kampf darum, auf Kosten von jemand anders zu leben, hat tiefe Gräben gerissen: Zu einem gemeinsamen Bewusstsein kommt es nicht mehr, sondern vielmehr zu dem Wunsch, so viel Einfluss zu bekommen, dass der Staat das begangene Unrecht der Vergangenheit wieder ausgleichen möge.
Aktuelles P.S.: Die Freude über das irische “Nein” zu EU ist auf wenige beschränkt. Allgemeiner ist das Gefühl der Undankbarkeit, weil “wir” doch so viel Subventionen an Irland haben fließen lassen. Dies zeigt das Prinzip der Entsolidarisierung durch Etatismus deutlich: Anti-EU wird keine europäische Massenbewegung, sondern immer verinselt.
Comment / 06-16-2008 / 12:24
Oder ein Beispiel, das ich immer gern dazu bringe: Wie sieht es mit jemanden aus, der zwar nicht direkt Steuergelder erhält, etwa in Form von Staatsaufträgen oder Beamtenbezügen, sondern eine oder auch mehrere Stationen später, also bspw. vom einkaufenden Beamten oder Sozialhilfeempfänger? Wie rechnet man mit diesem Einkommen? Wirkt es positiv oder negativ auf die Nettozahler/Empfänger-Bilanz?
Comment / 06-16-2008 / 13:11
Einige Punkte, nicht zusammen hängend:
Nach John Taylor Gatto ist die Schule, oder jedenfalls das, was heute darunter verstanden wird, ein elitäres Projekt und nicht die Idee einer Mittelschicht. Da die Mittelschicht zu der damaligen Zeit meines Wissens nach auch keine Organisation besaß, die sich als ihr Sprachrohr verstand, kann das Schulsystem auch nicht ihre Idee gewesen sein. Eine Idee (oder ein Wunsch) wird immer nur von Personen hervorgebracht.
Ich finde Nettosteuerzahler einen guten, aber populistischen Begriff. Die Kosten des Staats schlagen sich auch und insbesondere außerhalb der Besteuerung nieder. Die vielen Regulierungen wird kaum jemand monetarisieren können, so dass eine Errechnung der Nettobelastung durch Staat unmöglich ist, nicht bloß – wie Stefan meint – schwierig ist. Als populistisches Schlagwort und um jedermann klar zu machen, dass Staat eine Belastung ist, ist der Begriff des Nettosteuerzahlers durchaus sinnvoll verwendbar. Jeder zahlt MwSt und somit ist auch jeder Steuerzahler. Den Leuten klar zu machen, dass es immer die anderen sind, die von der eigenen Besteuerung profitieren, ist meist ein guter Ansatzpunkt, Besteuerung insgesamt in Frage zu stellen. Grösseren Wert würde ich dem Etikett Nettosteuerzahler jedoch nicht beimessen.
Insofern ist auch hanz Frage nach mittelbaren Steuerprofiteuren zwar interessant, aber doch – jedenfalls für mich – eher untergeordnet.
Auf sprachlicher Ebene mag ich im Nettosteuerzahler das “Zahlen” nicht. Man bezahlt Schulden. Wo keine Schuld ist, da wird auch nichts bezahlt.
Comment / 06-26-2008 / 12:39
Wie wahr, wie wahr. Unzählige Vorschriften, Verbote, Regulierungen. Marktverzerrungen, Fehlallokationen, künstliche Anreize, Unrecht, postulierte Pflichten, Gewalt und Pressekontrolle. Und ich habe bestimmt noch viel vergessen.
Zum Thema Schule und wie deren Verstaatlichung von sich ging empfehle ich auf dieser Seite http://www.bildungspflicht-statt-schulzwang.de/ weiter unten das PDF Schule ohne den Staat.
Comment / 08-05-2008 / 21:49
…über Demokratie, Vielfalt und Religion auf http://www.demokratie-rechtsstaat.de.
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