Zum Abschluss des Adorno-Jahrs der freiheitsfabrik noch mal ein Zitat aus der “Dialektik der Aufklärung”, das die unheimliche Aktualität Adornos deutlich macht.
Nietzsche hat wie wenige seit Hegel die Dialektik der Aufklärung erkannt. Er hat ihr zwiespältiges Verhältnis zur Herrschaft formuliert. Man soll »die Aufklärung ins Volk treiben, daß die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden –, ebenso muß man es mit dem Staate machen. Das ist Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebaren zur absichtlichen Lüge zu machen …« Andererseits war die Aufklärung seit je ein Mittel der »großen Regierungskünstler (Konfuzius in China, das Imperium Romanum, Napoleon, das Papsttum, zur Zeit, wo es der Macht und nicht nur der Welt sich zugekehrt hatte) … Die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt, z.B. in aller Demokratie, ist äußerst wertvoll: die Verkleinerung und Regierbarkeit der Menschen wird als ›Fortschritt‹ erstrebt!« Indem solcher Doppelcharakter der Aufklärung als historisches Grundmotiv hervortritt, wird ihr Begriff, als der fortschreitenden Denkens, bis zum Beginn überlieferter Geschichte ausgedehnt. Während jedoch Nietzsches Verhältnis zur Aufklärung, und damit zu Homer, selber zwiespältig blieb; während er in der Aufklärung sowohl die universale Bewegung souveränen Geistes erblickte, als deren Vollender er sich empfand, wie die lebensfeindliche, »nihilistische« Macht, ist bei seinen vorfaschistischen Nachfahren das zweite Moment allein übriggeblieben und zur Ideologie pervertiert. Diese wird zum blinden Lob des blinden Lebens, dem die gleiche Praxis sich verschreibt, von der alles Lebendige unterdrückt wird. Das kommt an der Stellung der Kulturfaschisten zu Homer zum Ausdruck. Sie wittern in der homerischen Darstellung feudaler Verhältnisse ein Demokratisches, stempeln das Werk als eines von Seefahrern und Händlern und verwerfen das jonische Epos als allzu rationale Rede und geläufige Kommunikation. Der böse Blick derer, die mit aller scheinbar unmittelbaren Herrschaft sich einig fühlen und alle Vermittlung, den »Liberalismus« jeglicher Stufe verfemen, hat ein Richtiges gewahrt. In der Tat erstrecken die Linien von Vernunft, Liberalität, Bürgerlichkeit sich unvergleichlich viel weiter, als die historische Vorstellung annimmt, die den Begriff des Bürgers erst vom Ende der mittelalterlichen Feudalität her datiert. Indem die neuromantische Reaktion den Bürger dort noch identifiziert, wo der ältere bürgerliche Humanismus heilige Frühe wähnt, die ihn selber legitimieren soll, sind Weltgeschichte und Aufklärung in eins gesetzt. Die modische Ideologie, welche Liquidation von Aufklärung zu ihrer eigensten Sache macht, erweist ihr widerwillig die Reverenz. Noch in der entlegensten Ferne ist sie gezwungen, aufgeklärtes Denken anzuerkennen. Gerade seine älteste Spur droht dem schlechten Gewissen der heutigen Archaiker, den ganzen Prozeß noch einmal zu entbinden, den zu ersticken sie sich vorgenommen haben, während sie bewußtlos zugleich ihn vollstrecken.
Comment / 12-01-2008 / 19:49
Und zwar so: “Wie ein Eichhörnchen im Käfig. Glückseligkeit der Bewegung, Verzweiflung der Enge, Verrücktheit der Ausdauer, Elend-Gefühl vor der Ruhe des Außerhalb. Alles dieses sowohl gleichzeitig als abwechselnd, noch im Kot des Endes ein Sonnenstreifen Glückseligkeit.” (Kafka / Oktavhefte)
Um mehr geht es nicht, weshalb der ‘heutige Archaiker’ seine Erwartungen zurückschraubt, wenn er ‘den ganzen Prozess noch einmal entbindet’ … er ist schneller geworden im Sichten und Sortieren seiner aufgeklärten Enttäuschungen. Bedeutsamer oder unwichtiger Unterschied? Ich finde ihn bedeutsam.
Comment / 12-02-2008 / 05:52
Heutige Archaiker reisen, mal wieder, die ewige Wiederkehr, bewusstlos aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu ihrer eigenen verzwergten Beherrschbarkeit.
Denn auch damalige Zwerge haben schon klein angefangen.
So klärt uns Adorno auf, keine Rede von Fabelwesen, wilden Frauen und bedeutsamen Abenteuern, die waren nur Beiwerk des Soziologen Homer, der feudale Verhältnisse schilderte, sicher, das war sein Anliegen, was auch sonst, Zwerg Adorno versteht, was sein eigener Kulturfaschismus zulässt, und anstatt darob vornehmlich die eigene Befindlichkeit aufzuklären, setzt er das anonyme Subjekt eines Neuromantikers, den er den Bürger dort ausgraben lässt, wo Adorno selbst ihn verbuddelt hat. SICH verbuddelt hat.
Der Aufklärer, wie schon Hamann sagte, braucht den Schatten der eigenen Verschuldung vom
angeblich Unmündigen, damit er diese selbst weiter ganz prozesshaft ignorieren kann, wozu er den benutzt, den er gerade aufklärt. In einem geradezu feudalen geistigen Verhältnis.
Comment / 12-02-2008 / 06:11
http://blog.freiheitsfabrik.de/?p=1221
Comment / 12-02-2008 / 06:18
Comment / 12-02-2008 / 13:05
@ Hamza
Wo (oder besser: wer) ist diese erfrischende ‘Quelle’ , die Dein Adorno-Bashing speist? Das wüsste ich gern, bevor ich dem weiteren Verlauf der Sitzung des Vormundschaftsgerichts beiwohne
Btw: Als einen ‘Vormund’ sprechen höre ich Adorno eigentlich nicht, bin nur ein wenig sehr allergisch gegen den ‘hohen Ton’ …
Comment / 12-02-2008 / 19:56
PS: Anfrage erledigt, zur Quelle gefunden.
Comment / 12-02-2008 / 20:03
Brief Johann Georg Hamanns an Christian Jacob Kraus
Königsberg, 18. Dezember 1784.
finde ihn nur noch im Archiv, weil AOL die Webseite gschlossen hat:
http://web.archive.org/web/20021127071317/members.aol.com/agrudolph/kraus.html
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[...] “Wildes Denken” mit Michel Foucault und T.W. Adorno gibt es in der [...]
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