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Theodor W. AdornoZum Abschluss des Adorno-Jahrs der freiheitsfabrik noch mal ein Zitat aus der “Dialektik der Aufklärung”, das die unheimliche Aktualität Adornos deutlich macht.

Nietzsche hat wie wenige seit Hegel die Dialektik der Aufklärung erkannt. Er hat ihr zwiespältiges Verhältnis zur Herrschaft formuliert. Man soll »die Aufklärung ins Volk treiben, daß die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden –, ebenso muß man es mit dem Staate machen. Das ist Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebaren zur absichtlichen Lüge zu machen …« Andererseits war die Aufklärung seit je ein Mittel der »großen Regierungskünstler (Konfuzius in China, das Imperium Romanum, Napoleon, das Papsttum, zur Zeit, wo es der Macht und nicht nur der Welt sich zugekehrt hatte) … Die Selbsttäuschung der Menge über diesen Punkt, z.B. in aller Demokratie, ist äußerst wertvoll: die Verkleinerung und Regierbarkeit der Menschen wird als ›Fortschritt‹ erstrebt!« Indem solcher Doppelcharakter der Aufklärung als historisches Grundmotiv hervortritt, wird ihr Begriff, als der fortschreitenden Denkens, bis zum Beginn überlieferter Geschichte ausgedehnt. Während jedoch Nietzsches Verhältnis zur Aufklärung, und damit zu Homer, selber zwiespältig blieb; während er in der Aufklärung sowohl die universale Bewegung souveränen Geistes erblickte, als deren Vollender er sich empfand, wie die lebensfeindliche, »nihilistische« Macht, ist bei seinen vorfaschistischen Nachfahren das zweite Moment allein übriggeblieben und zur Ideologie pervertiert. Diese wird zum blinden Lob des blinden Lebens, dem die gleiche Praxis sich verschreibt, von der alles Lebendige unterdrückt wird. Das kommt an der Stellung der Kulturfaschisten zu Homer zum Ausdruck. Sie wittern in der homerischen Darstellung feudaler Verhältnisse ein Demokratisches, stempeln das Werk als eines von Seefahrern und Händlern und verwerfen das jonische Epos als allzu rationale Rede und geläufige Kommunikation. Der böse Blick derer, die mit aller scheinbar unmittelbaren Herrschaft sich einig fühlen und alle Vermittlung, den »Liberalismus« jeglicher Stufe verfemen, hat ein Richtiges gewahrt. In der Tat erstrecken die Linien von Vernunft, Liberalität, Bürgerlichkeit sich unvergleichlich viel weiter, als die historische Vorstellung annimmt, die den Begriff des Bürgers erst vom Ende der mittelalterlichen Feudalität her datiert. Indem die neuromantische Reaktion den Bürger dort noch identifiziert, wo der ältere bürgerliche Humanismus heilige Frühe wähnt, die ihn selber legitimieren soll, sind Weltgeschichte und Aufklärung in eins gesetzt. Die modische Ideologie, welche Liquidation von Aufklärung zu ihrer eigensten Sache macht, erweist ihr widerwillig die Reverenz. Noch in der entlegensten Ferne ist sie gezwungen, aufgeklärtes Denken anzuerkennen. Gerade seine älteste Spur droht dem schlechten Gewissen der heutigen Archaiker, den ganzen Prozeß noch einmal zu entbinden, den zu ersticken sie sich vorgenommen haben, während sie bewußtlos zugleich ihn vollstrecken.

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Comments 7

  1. elsa wrote:

    Gerade seine älteste Spur droht dem schlechten Gewissen der heutigen Archaiker, den ganzen Prozeß noch einmal zu entbinden, den zu ersticken sie sich vorgenommen haben, während sie bewußtlos zugleich ihn vollstrecken.

    Und zwar so: “Wie ein Eichhörnchen im Käfig. Glückseligkeit der Bewegung, Verzweiflung der Enge, Verrücktheit der Ausdauer, Elend-Gefühl vor der Ruhe des Außerhalb. Alles dieses sowohl gleichzeitig als abwechselnd, noch im Kot des Endes ein Sonnenstreifen Glückseligkeit.” (Kafka / Oktavhefte)

    Um mehr geht es nicht, weshalb der ‘heutige Archaiker’ seine Erwartungen zurückschraubt, wenn er ‘den ganzen Prozess noch einmal entbindet’ … er ist schneller geworden im Sichten und Sortieren seiner aufgeklärten Enttäuschungen. Bedeutsamer oder unwichtiger Unterschied? Ich finde ihn bedeutsam.

    Posted 01 Dez 2008 at 19:49
  2. Hamza wrote:

    Heutige Archaiker reisen, mal wieder, die ewige Wiederkehr, bewusstlos aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu ihrer eigenen verzwergten Beherrschbarkeit.
    Denn auch damalige Zwerge haben schon klein angefangen.

    So klärt uns Adorno auf, keine Rede von Fabelwesen, wilden Frauen und bedeutsamen Abenteuern, die waren nur Beiwerk des Soziologen Homer, der feudale Verhältnisse schilderte, sicher, das war sein Anliegen, was auch sonst, Zwerg Adorno versteht, was sein eigener Kulturfaschismus zulässt, und anstatt darob vornehmlich die eigene Befindlichkeit aufzuklären, setzt er das anonyme Subjekt eines Neuromantikers, den er den Bürger dort ausgraben lässt, wo Adorno selbst ihn verbuddelt hat. SICH verbuddelt hat.

    Der Aufklärer, wie schon Hamann sagte, braucht den Schatten der eigenen Verschuldung vom
    angeblich Unmündigen, damit er diese selbst weiter ganz prozesshaft ignorieren kann, wozu er den benutzt, den er gerade aufklärt. In einem geradezu feudalen geistigen Verhältnis.

    Posted 02 Dez 2008 at 05:52
  3. Hamza wrote:

    Wer ist aber der unbestimmte andere, der zweymal anonymisch vorkommt. Sehen Sie hier, Domine Politice wie ungern die Metaphysiker ihre Personen bey ihrem rechten Namen nennen, und wie die Katzen um den heißen Brei herumgehen; doch ich sehe die Aufklärung unsers Jahrhunderts nicht mit Katzen- sondern reinen und gesunden Menschenaugen, die freylich durch Jahre und Lucubrationen und Näschereyen etwas stumpf geworden, mir aber zehnmal lieber sind als die bey Mondschein aufgeklärten Augen einer Athnh glaukwpiV.
    Ich frage daher auch noch zum zweitenmal mit katechetischer Freyheit: wer ist der andere, von dem der kosmopolitische Chiliast weißagt? Wer ist der andere Bärenheuter oder Leiter, den der Verf. Im Sinn aber nicht auszusprechen das Herz hat. Antwort: der leidige Vormund, der als das correlatum der Unmündigen implicite verstanden werden muß. Dies ist der Mann des Todes. Die selbstverschuldete Vormundschaft und nicht Unmündigkeit -
    Wozu verfährt der Chiliast mit diesem Knaben Absalom so säuberlich? Weil er sich selbst zur Claße der Vormünder zählt, und sich gegen unmündige Leser dadurch ein Ansehen geben will – Die Unmündigkeit ist also nicht weiter selbst verschuldet, als in so fern sie sich der Leitung eines blinden oder unsichtbaren (wie jener pommersche Katechismusschüler seinem Landpfarrer entgegenbrüllte) Vormundes und Führers überläst. Dieser ist der eigentl. Mann des Todes -
    Worin besteht nun das Unvermögen oder die Schuld des fälschlich angeklagten unmündigen? In seiner eigenen Faulheit und Feigheit? Nein, in der Blindheit seines Vormundes, der sich für sehend ausgiebt, und eben deshalb alle Schuld verantworten muß.

    http://blog.freiheitsfabrik.de/?p=1221

    Posted 02 Dez 2008 at 06:11
  4. Hamza wrote:

    Mit was für Gewißen kann ein Raisonneur u Speculant hinter dem ofen und in der Schlafmütze den Unmündigen ihre Feigheit vorwerfen, wenn ihr blinder Vormund ein wohldisciplinirtes zahlreiches Heer zum Bürgen seiner Infallibilität und Orthodoxie hat. Wie kann man über die Faulheit solcher unmündigen spotten, wenn ihr aufgeklärter und selbstdenkender Vormund, wofür ihn der eximirte Maulaffe des ganzen Schauspiels erklärt, sie nicht einmal für Maschinen, sondern für bloße Schatten seiner Riesengröße ansieht, vor denen er sich gar nicht fürchten darf, weil es seine dienstbaren Geister und die einzigen sind, deren Daseyn er glaubt.
    Kommt es also nicht auf einerley heraus: glaube – exercir – zahl, wenn dich der T.. nicht holen soll. Ist es nicht Sottise des trois parts? Und welche ist die gröste und schwerste? Eine Armee von Pfaffen oder von Schergen, Büttelknechten und Beutelschneidern? Nach dem befremdlichen unerwarteten Gange menschlicher Dinge, wornach fast alles im Großen paradox ist, kommt mir Glauben schwerer vor [als] Berge versetzen, Evolutionen u Exercitia machen – und die Liquidation mit unmündigen, dooec reddant nouissimum quadrantem -
    Die Aufklärung unsers Jahrhunderts ist also ein bloßes Nordlicht, aus dem sich kein kosmopolitischer Chiliasmus als in der Schlafmütze u hinter dem Ofen wahrsagen läst. Alles geschwätz und Raisonniren der eximirten Unmündigen, die sich zu Vormünder der selbst unmündigen aber mit couteaux de chasse und Dolchen versehnen Vormünder aufwerfen, ein kaltes unfruchtbares Mondlicht ohne Aufklärung für den faulen Verstand und ohne Wärme für den feigen Willen – und die ganze Beantwortung der aufgeworfnen Frage eine blinde Illumination für jeden unmündigen, der im Mittage wandelt.

    Geschrieben den heil Abend des vierten und letzten Advent Sontags 84 entre chien et loup.
    Von des Clarissimi Domini Politici und Morczinimastix
    Gebundenen und seiner ex- und esoterischen
    Freyheit entschlagenen, von Poeten
    Und Statistikern verkannten
    Magus in telonio.

    Auch in der Dunkelheit giebts göttlich schöne Pflichten
    Und unbemerkt sie thun – -
    Matth. XI. II.

    N.S.
    Meine Verklärung der Kantschen Erklärung läuft also darauf hinaus, daß wahre Aufklärung in einem Ausgange des unmündigen Menschen aus einer allerhöchst selbst verschuldeten Vormundschaft bestehe. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang – und diese Weisheit macht uns feig zu lügen und faul zu dichten – desto muthiger gegen Vormünder, die höchstens den Leib tödten und den Beutel aussaugen können – desto barmherziger gegen unsere unmündige Mitbrüder und fruchtbarer an guten Werken der Unsterblichkeit. Die Distinction zwischen dem öffentl. Und privat Dienst der Vernunft ist so komisch als Flögels seine in Be- und Verlachenswürdige. Freylich kommt es darauf an die beyden Naturen eines Unmündigen u Vormunds zu vereinigen, aber beyde zu sich selbst widersprechenden Hypokriten zu machen, ist kein arcanum das erst gepredigt werden darf; sondern hier liegt eben der Knoten der ganzen politischen Aufgabe. Was hilft mir das Feyerkleid der Freiheit, wenn ich daheim im Sclavenkittel. Gehört Platon auch schon zum schönen geschlecht – das er wie ein alter Hagestoltzer verläumdt. Die Weiber sollten schweigen in der Gemeine – und si tacuissent, philosophi manissent. Daheim (i.e. auf dem Katheder und auf der Bühne und auf der Kanzel) mögen sie plaudern nach Herzenslust. Da reden sie als Vormünder, und müßen alles vergeßen u allem widersprechen, sobald sie in ihre eigene selbstverschuldete Unmündigkeit dem Staat Schaarwerk thun sollen. Also der öffentl. Gebrauch der Vernunft und Freyheit ist nicht als ein nachtisch, ein geiler Nachtisch. Der Privatgebrauch ist das tägl. Brot, das wir für jenen entbehren sollen. Die selbst verschuldete Unmündigkeit ist ein eben so schiefes Maul, als er dem ganzen schönen geschlecht macht, und das meine 3 Töchter nicht auf sich sitzen lassen werden. Anch’ io sono tutore! Und kein Maul- noch Lohndiener eines Obervogts – sondern halt es mit der unmündigen Unschuld. Amen!”

    Posted 02 Dez 2008 at 06:18
  5. elsa wrote:

    @ Hamza

    ” – sondern halt es mit der unmündigen Unschuld. Amen!”

    Wo (oder besser: wer) ist diese erfrischende ‘Quelle’ , die Dein Adorno-Bashing speist? Das wüsste ich gern, bevor ich dem weiteren Verlauf der Sitzung des Vormundschaftsgerichts beiwohne :)

    Btw: Als einen ‘Vormund’ sprechen höre ich Adorno eigentlich nicht, bin nur ein wenig sehr allergisch gegen den ‘hohen Ton’ …

    Posted 02 Dez 2008 at 13:05
  6. elsa wrote:

    PS: Anfrage erledigt, zur Quelle gefunden.

    Posted 02 Dez 2008 at 19:56
  7. Hamza wrote:

    Brief Johann Georg Hamanns an Christian Jacob Kraus
    Königsberg, 18. Dezember 1784.

    finde ihn nur noch im Archiv, weil AOL die Webseite gschlossen hat:

    http://web.archive.org/web/20021127071317/members.aol.com/agrudolph/kraus.html

    Posted 02 Dez 2008 at 20:03

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  1. From kurz notiert « Raumzeit on 19 Mrz 2009 at 21:23

    [...] “Wildes Denken” mit Michel Foucault und T.W. Adorno gibt es in der [...]