Vorlesen

Die Mitglieder der Katholischen Kirche sind es freiwillig, wenn auch meist nicht durch eigenen Willen eingetreten, so wird die Mitgliedschaft doch seit Erreichen der Religionsmündigkeit freiwillig fortgesetzt. Es gibt in ihrem Gesellschaftsvertrag seit Jahrtausenden angesammelte Regeln, die leichter zu ergänzen als zu verändern oder gar abzuschaffen sind. Die Amtsträger üben Macht aus, allerdings sind sie ihrerseits an die Regeln gebunden, die sie kaum ändern können, jedenfalls nicht nach Belieben und schon gar nicht schnell. Nach Max Weber ist das Bürokratisierung, nach Friedrich Nietzsche die (Selbst-) Versklavung der Herren. Das hat – mit F.A. Hayek – auch etwas Gutes wie man z.B. jetzt in Italien sehen konnte, wo ein Gesetz auf einen Einzelfall zugeschnitten durchgepeitscht werden sollte. Gott sei Dank war der Fall schneller als das Verfahren.

Ein geeignetes Beispiel ist der berühmte Gang nach Canossa von Heinrich IV. 1077: Der exkommunizierte Kaiser heuchelt Buße und der Papst kann als Seelsorger nichts anderes tun, als dem Bußfertigen die Tore zu öffnen, obwohl es seinen Machtinteressen widerspricht (spannende Darstellung: Paolo Golinelli, Mathilde und der Gang nach Canossa: Im Herzen des Mittelalters, Düsseldorf/Zürich 1998). Die Institution mit Machtinteresse und die spirituelle Kirche standen schon immer in einem Spannungsverhältnis.

Eine Regel der Institution, die in besonderem Maße den Widerstand begünstigt, ist, dass ein einmal verliehenes Sakrament oder eine einmal verliehene Weihe nicht rückgängig gemacht werden können. Niemals. Auch vom Papst nicht. Ich selbst bin Nutznießer dieser Regel, denn ich erhielt meine Firmung kirchenwiderrechtlich. Dennoch kann sie mir weder genommen werden noch kann der mich gefirmt gehabt habende Kaplan diszipliert werden. (Ihm hätte ein Amt verweigert werden können; aber dennoch müsste die Kirche ihn bis zu seinem Lebensende ernähren. Das hat sie bei der Weihe versprochen.)

Die Piusbrüder können also nicht “aus der Kirche ausgeschlossen werden” (wie es die Mehrheit der Deutschen laut Infratest wohl befürwortet). Die Exkommunikation ist der Ausschluss vom Abendmahl. Mehr nicht. Die einmal verliehene Weihe ist nicht rückholbar, ebenso wenig die Möglichkeit, die Weihe weiterzugeben. Ratzingers Plan bestand darin, die Brüder durch den Gnadenerweis, die Exkommunikation aufzuheben, wieder der Disziplinargewalt der Kirche zu unterstellen. Ein umgekehrter Gang nach Canossa sozusagen. Doch die haben in konzentrierter Form zurückgeschlagen (wie Heinrich IV. damals ja auch) und ihre Stärke ausgespielt: Niemals hatten sie so viel PR wie jetzt.

Ein Machtkampf ist es von beiden Seiten aus gesehen. Jean-Jacques Rousseau würde sagen, dass nicht der Allgemeinwille im Vatikan herrscht, sondern ein partikularer, egal welche Seite sich durchsetzt. Spiritualität ist nur ein Vorwand für den Machtkampf. Das Interview mit Williamson im Spiegel nach dem Motto “nagle einen Pudding an die Wand” zeigt, dass er eins so wenig ist wie der gegenwärtige Papst: ein Seelsorger.