“Es ist verrückt, dass die Menschen so gerne urteilen. Überall wird ständig geurteilt. Ohne Zweifel gehört das Urteilen zu den einfachsten Dingen, die den Menschen gegeben sind. Und der letzte Mensch wird sich, wenn die letzte Strahlung endlich seinen letzten Feind in Asche verwandelt hat, hinter einen wackligen Tisch setzten, um dem Schuldigen den Prozeß zu machen.
Ich kann mir nicht helfen, aber ich stelle mir eine Kritik vor, die nicht zu urteilen versucht, sondern einem Werk, einem Buch, einem Satz, einer Idee zum Dasein verhilft; die ein Licht entzündet, dem Gras beim Wachsen zusieht, dem Wind lauscht und den Schaum im Fluge ergreift, um ihn zu zerstreuen. Sie vermehrte nicht Urteile, sondern Zeichen des Daseins; sie riefe sie und weckte sie aus ihrem Schlaf. Und falls sie solche Zeichen gelegentlich erfände – umso besser. Die auf Urteilssprüche fixierte Kritik langweilt mich. Ich wünschte mir eine vor Fantasie sprühende Kritik. Sie wäre nicht souverän und kleidete sich nicht in rote Roben. Sie trüge den Blitz möglicher Gewitterstürme.”
[Michel Foucault, Der maskierte Philosoph - in: Ästhetik der Existenz, stw 1814, S.52]
Comment / 03-12-2009 / 22:26
Wie gut, Andreas, dass Du den Prozess der Meinungs- und Artikulationsfindung hinauszuziehen und den vorschnellen Akt einer Urteilsverkündung mit Foucaults schönen Worten zu unterbinden trachtest! Und zwar prinzipiell, und nicht nur für den einen prekären Fall eines für gewöhnlich so leicht + schnell abzuurteilenden Amoklaufs.
Und es soll auch nicht umsonst gewesen sein … weshalb ich meine unsouverän in Fetzen gehende, allfällige ‘Kritik’ in Zukunft länger + besser verwahren werde
…
Comment / 03-13-2009 / 08:24
[du warst eigentlich gar nicht gemeint]
hatte nur gerade zu viel in den locker-subjektiven blogs meines aggregators herumgeschnüffelt (fast alles kleine politiker oder gar grosse napoleons!) + zuviel foucault gelesen (was eigentlich gar nicht möglich ist) …
Comment / 03-13-2009 / 16:30
Die Ros’ ist ohn warumb
sie blühet weil sie blühet
Sie achtt nicht jhrer selbst
fragt nicht ob man sie sihet.
(Angelus Silesius, 1624-1677)
Comment / 03-13-2009 / 17:45
@hanz
sehr schön!
Comment / 03-15-2009 / 11:11
Vielleicht sagt ein Urteil auch weniger über den Gegenstand des Urteils aus als viel mehr über den Urteilenden selbst: was ihn interessiert, ihm wichtig ist, wovor er sich fürchtet, wonach er sich sehnt, was ihm fehlt…. Gerade in diesen Färbungen, Betonungen, Weglassungen, perspektivischen Splittern besteht ja das Urteil und wäre so verstanden selbst ein “Zeichen des Daseins”. Und an diesem Zeichen trüge der beurteilte Gegenstand selbst ja keine “Schuld”, was freilich die wenigsten Urteilenden so sehen. Denn sie wollen vom Perspektivischen ihres Urteils nichts wissen, wollen es vergessen machen. Ihre Zeichen sollen nicht als ihre Zeichen erscheinen, sondern als universale Zeichen.
Comment / 03-15-2009 / 11:30
ganz richtig, hanz.
aber die äusserungsform ‘urteil’ meint ja eine andere als gerade eine subjektive: nämlich eine objektive.
wenn jemand sagt: “ich sehe das so + so …”, dann ist das je eigene auge schon im konzept der äusserung angelegt. wenn aber einer sagt: “es ist so + so …”, dann muss in der rezeption dieser äusserung das subjekt gegen die objektive behauptung in den text hinein + aus ihm wieder herausgelesen werden. was eine schlichte unhöflichkeit des behauptenden=urteilenden ist.
Pingback / 03-19-2009 / 20:27
[...] “Wildes Denken” mit Michel Foucault und T.W. Adorno gibt es in der [...]
Leave a Reply
Kommentar-RSS
Befeuert mit WordPress 3.0
Theme von Sparanoia
Anmelden