Vorlesen

Ich bin z.Zt. irgendwie aufgelegt, mich verstören zu lassen. Dass ich Foucault lese, ist ein Symptom dieses unbequemen Zustands. Sogar den  ‘Anti-Ödipus’ von Deleuze-Guattari habe ich wieder im Programm (obwohl fast unlesbar – ‘lesen’ im vernünftig vereinnahmenden Sinne genutzt).

Ernsthaft knacke ich an folgenden Zeilen (aus dem Foucault’schen Vorwort zum Anti-Ödipussy):

Macht euch von den alten Kategorien des Negativen (Gesetz, Grenze, Kastration, Mangel, Lücke) frei, die das abendländische Denken so lange als Form der Macht und Modus des Zugangs zur Wirklichkeit sakralisiert hat. Zieht das vor, was positiv und vielfältig ist, zieht die Differenz der Einförmigkeit, die Flüsse den Einzelheiten, die beweglichen Verknüpfungen dem System vor. Geht davon aus, dass das, was produktiv ist, nicht sesshaft, sondern nomadisch ist. [Foucault: Ästhetik der Existenz, stw 1814, S. 35f]

Chris Anderson kommt in seinem ‘The Long Tail’ zu ähnlichen Überlegungen:

Denn bereits heute konkurrieren diese “Hits” mit einer unbegrenzten Anzahl an Nischenmärkten jeder Größe – und für diese wird insbesondere durch das Internet eine Verfügbarkeit, Logistik und Kosteneffizienz erreicht, die nicht mehr auf Masse angewiesen ist. “Das Zeitalter des ‘one size fits all’ geht dem Ende zu, und an seine Stelle tritt etwas Neues, ein Markt der Vielfalt”. Die Nischen hat es theoretisch schon immer gegeben, sagt Anderson, doch die traditionellen Vertriebskanäle in Form von Regalflächen und Sendeplätzen sind verglichen mit den digitalen Möglichkeiten äußerst begrenzt. Durch die vernetzten Strukturen des digitalen Zeitalters entstehen daraus jedoch Märkte mit einer “kulturellen und wirtschaftlichen Kraft, die nicht mehr ignoriert werden kann.” Engpässe zwischen Angebot und Nachfrage verschwinden zunehmend. Die Regeln einer Ökonomie der Knappheit verändern sich hin zu einer Ökonomie des Überflusses. (aus einer Besprechung auf  STB Web)

Aber vielleicht ist es bei mir auch nur die extreme Unlust, mit den ‘Urschuld-Theorien‘ von Heinsohn et alt. herum zu hantieren; oder mit den Kastrations-Geschichten der freudschen Provenienz. Jedenfalls: es denkt in mir – und wenn wer Lust + Ahnung hat, mag er ja vielleicht mit denken … also ährlisch: wäre es nicht echt krass geiler, in Potentialrealisierungskategorien zu denken denn in stets strampelnder Defizitauffüllung (was irgendwie etwas von dem Karnickel an sich hat, dem die zu erringende Möhre unerreichbar auf den eigenen Leib geschnallt ward).
Es ist mir schon klar, dass jeder Fortschrittsgedanke einen Zeitpfeil braucht, eine Richtung (und die Defizitmilderung ist ein solcher Zeitpfeilgenerator), aber: ich habe das Gefühl, dass das Defizitbewusstsein schneller zunimmt, als mit tatsächlicher Defizitverkleinerungsproduktivität dasselbe gedämpft werden kann.

Vielleicht sollte ich wieder ‘mal Mises’ Nationalökonomie  lesen:  nach einer Seite von dem Teil bin ich immer irgendwie wieder  ‘auf Richtung’  + wunderbar klar und ruhig … (was aber nicht unbedingt mein denkerisches Lebensziel sein muss – inzwischen. Leider!)