“Ich weiĂ nicht, ob wir jemals mĂŒndig werden. Viele Dinge in unserer Erfahrung ĂŒberzeugen uns, dass das historische Ereignis der AufklĂ€rung uns nicht mĂŒndig gemacht hat, und dass wir es noch nicht sind. Dennoch scheint mir, dass man dieser kritischen Frage nach der Gegenwart und uns selbst, die Kant in seiner Reflexion ĂŒber die AufklĂ€rung formuliert hat, einen Sinn geben kann. Mir scheint, dass es sogar eine Art zu philosophieren ist, die seit den letzten zwei Jahrhunderten nicht ohne Bedeutung und auch nicht ohne Wirkung war. Die kritische Ontologie unserer selbst darf man sicher nicht als eine Theorie, eine Lehre und noch nicht einmal als ein durchgĂ€ngiges, in Akkumulation begriffenes Wissenskorpus ansehen; man muss sie als eine Haltung, als ein ethos, als ein philosophisches Leben begreifen, bei dem die Kritik dessen, was wir sind, zugleich historische Analyse der uns gesetzten Grenzen und Probe auf ihre mögliche Ăberschreitung ist.
Diese philosophische Haltung muss in einer Arbeit verschiedenartiger Untersuchungen zum Ausdruck kommen; diese haben ihre methodologische KohĂ€renz in der sowohl archĂ€ologischen als auch genealogischen Untersuchung von Praktiken, die gleichzeitig als technologischer RationalitĂ€tstypus und als strategische Spiele der Freiheiten in den Blick genommen werden; sie haben ihre theoretische KohĂ€renz in der Definition der historisch einzigartigen Formen,, in welchen die Allgemeinheiten unserer Beziehung zu den Dingen [Wissen], zu den anderen [Macht] und zu uns selbst [Ethik] problematisiert wurden. Sie haben ihre praktische KohĂ€renz in dem darauf verwandten BemĂŒhen, die historisch-kritische Reflexion an konkreten Praktiken zu erproben. Ich weiĂ nicht, ob man heute behaupten muss, dass die kritische Arbeit noch den Glauben an die AufklĂ€rung impliziert; sie benötigt, denke ich, stets die Arbeit entlang unseren Grenzen, das heiĂt eine geduldige Arbeit, die der Ungeduld der Freiheit Gestalt gibt.”
(Foucault: Was ist AufklĂ€rung?, in: Ăsthetik der Existenz, stw 1814, S. 189f)
Comment / 04-06-2009 / 20:59
Neulich einen klugen Satz gehört: AufklĂ€rung findet schon seit 3000 Jahren statt – und eigentlich seit noch frĂŒheren Zeiten, spĂ€testens seit unser Cortex online gegangen ist.
Kant hatte lediglich reflektiert.
Schöner Hinweis auf Foucault, danke, Andreas!
Comment / 04-06-2009 / 21:28
gerne, bodo …
vielleicht zwei anmerkungen:
im gegensatz etwa zu frankfurter schule oder auch dem gesamten fortschrittsglauben der bĂŒrgerlichen philosophie hat foucault keinen strukturellen aufklĂ€rungsbegriff, sondern einen historischen (“… nicht einmal als ein durchgĂ€ngiges, in Akkumulation begriffenes Wissenskorpus …”
. daher ist sein begriff von aufklÀrung weitaus unpathetischer, als er zumeist gebraucht wird und als er auch hier im blog hÀufig anzutreffen ist.
zum zweiten finde ich bemerkenswert, dass foucault die beziehung zu anderen der machtanalyse zuordnet und nicht der ethischen reflexion (ich hatte oben zum besseren verstĂ€ndnis die drei begriffe in eckigen klammern dazugesetzt) und die ethik als form der selbstreflektion betrachtet (als reflektierte selbstbeschrĂ€nkung der machtausĂŒbung – am deutlichsten formuliert in ‘Die Ethik der Sorge um sich als Praxis der Freiheit’, a.a.o. 253ff). die so angeregte ethik ist gewissermassen nicht zweiwertig (verhalten einem anderen gegenĂŒber) sondern eine robinsonale selbstformung zur fĂ€higkeit einer möglichst unmachtvollen zwei/mehrsamkeit.
Comment / 04-07-2009 / 08:33
Ich sehe schon, lieber Andreas, dass uns an Foucault zwei verschiedene Aspekte interessieren. Wahrscheinlich halte ich doch noch verbissen (!) am “fortschrittsglauben der bĂŒrgerlichen philosophie” fest, wenn auch mehrfach geknickt und gefaltet. In einer langen Interpretation von Vargas Llosas “Krieg am Ende der Welt” irgendwo im www habe ich eine “post-moderne” Interpretation gelesen: Der Autor stelle die unvereinbaren Perspektiven bewertungslos nebeneinander. Diese Interpretation kann ich weder bezogen auf Vargas Llosa noch davon losgelöst als philosophischen Entwurf teilen: Vargas Llosa steht auf dem Boden der AufklĂ€rung, mit deren MaĂstab er sowohl deren Dialektik kritisiert (die Logik der zweckrationalen Vernichtung) als auch die kritiklose BrutalitĂ€t des Mythos (Logik der Ehre: die Ehre rechtfertigt jede Grausamkeit).
Comment / 04-07-2009 / 09:44
nicht geknickt sein! es wird ja alles sich zum guten wenden …
ich glaube nicht, dass ‘postmodern’ bedeutet, differenzen lax zu ĂŒbergehen. nur wĂŒrde die postmoderne reflexion auf die dialektik der aufklĂ€rung nicht mehr die dichotomie, die du oben bei vargas llosa anmerkst, betonen oder aufzeigen, sondern deren zwischenzeitliche identitĂ€t: wenn adorno im glauben an die moderne mahnend schreibt, die radikalisierte vernunft löse sich selber in ihren grundfesten auf und verfalle dem mythos, so kann ich als unglĂ€ubiger (besser: auf das böseste belehrt durch das zwanzigste jahrhundert) schlicht sagen: vernunft ist zur instrumentellen klugheit des mythos verdampft, verkommen.
inwiefern sie also taugt, noch moralische standards verbindlich zu setzen, wĂ€re zumindest ein nicht triviales problem (in diesem falle stimmte sogar die neudeutsche ĂŒbersetzung: eine nicht triviale herausforderung).
bei foucault interessiert mich genau dieser punkt: ob er mit seinen denkmethoden, mit seinen forschungen, mit seinem begriffsapparat ermöglicht, einen standpunkt zu vertreten, der klĂŒger und anziehender ist als vernunftethik, naturrechtsethik oder religiöse ethik.
Comment / 04-08-2009 / 00:14
Ja, aber du stirbst halt am Ende an ImmunschwÀche.
Comment / 04-08-2009 / 07:43
viele impfungen beruhen auf dem prinzip, dem körper durch zufĂŒhrung von fein dosiertem gift die widerstandskrĂ€fte gegen den finalen angriff der (mentalen) killerviren zu entlocken.
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