Vorlesen

Zweite Frage.
Wie geschieht das “fine tuning”? Wie entsteht die öffentliche Meinung, besonders: Wie entstehen Schwankungen in der öffentlichen Meinung z.B. bei Wahlen (und zwar so, dass sie den herrschenden Interessen dienen)? Erstmal gibt es eine Reihe von Hypothesen für die Entstehung der öffentlichen Meinung:

1. Jeder beantwortet die Frage, was für die Gesellschaft am besten sei. Hört sich ziemlich abenteurlich an, diese Utopie von jjRousseau. Diese Hypothese spielt allerdings eine große Rolle in den Sonntagsreden der Politiker, besonders von denen, die gerade mit einer noch so knappen Mehrheit gewählt worden sind.
2. Jeder beantwortet die Frage, was für ihn selbst am besten ist. Die Horror-Vorstellung für jjRousseau. Diese Hypothese entspricht der angesächischen Konzeption von Demokratietheorie und wird in der Public-Choice-Theorie zugrunde gelegt.
3. Die öffentlich Meinung folgt massenpsychologischen Gesichtspunkten: Zufall und Hysterie. Beschrieben in Elias Canettis “Masse und Macht”.
4. Die öffentliche Meinung ist gezielter Manipulation unterworfen. Dies ist meist die Erklärung derjenigen Lechtsrinken, die unterstellen, die herrschende Meinung sei eine Widerspiegelung der Meinung der Herrschenden.

Für jede der vier Hypothesen gibt es sowohl Beispiele, die sie belegen, als auch solche, die sich widerlegen. Sie reichen nicht aus. Eher ist es in jeder Situation eine Kombination der vier Faktoren, die die öffentliche Meinung zustande kommen lässt. Mir scheint Foucaults Begriff der “Mikrophysik der Macht” hilfreich: Es liegt keine bewusste Manipulation vor, sondern ein unbewusstes Wissen darüber, was die Macht stabilisiert. Der Amok-Lauf eines Schülers ist so wenig eine geplante Verschwörung wie es die Kinderporno-Angebote im Internet oder die terroristischen Anschläge oder die katastrophalen Fehlentscheidungen von Bankern sind. Auch die Rufe nach Sicherheit, Kontrolle und Schutz in der Öffentlichkeit sind spontane Reflexe. Wohl aber eignen sich diese Ereignisse dazu, die Staatsmacht als “Retter in der Not” zu positionieren und auszubauen, und dienen damit dem Interesse der Herrschenden.

Die Faktoren sind:
1. Die von Bastiat beschriebene “Illusion, mit = durch Staat auf Kosten anderer leben zu können”, d.h. die eigenen Interessen durch Staatsmacht befördert zu sehen. Diese Feststellung ist um so schmerzlicher, als dass genau dieser egoistische Marktmechanismus den Staat stabilisiert.
2. Die Erfahrung der durch Staat ohnmächtig Gemachten, dass es für sie keinen anderen realistischen Retter in der Not gibt als eben diesen Staat.

Der Retter in der Not muss schnell handeln können. Libertäre Alternativen brauchen tiefgreifende Veränderungen, die nicht unmittelbar durchzusetzen sind und die in vielen Fällen nicht unmittelbar wirken. Hayek hat in der Nobelpreis-Rede 1974 gesagt, dass, wenn vorher die Inflation gemacht worden sei, die Rezession durchlebt werden müsse. Eine Antwort, die nicht nur die Politiker unbefriedigt lässt, sondern auch die, die unter der Inflation leiden: Obwohl der Staat die Inflation zur Bereicherung der herrschenden Klasse verursacht hat, wendet sich das Volk an genau diesen Staat, um die Folgen zumindest abzumildern, eben weil kein anderer Retter in der Not zur Verfügung steht.