Hast du keinen Sinn, kein Gefühl für Musik, so vernimmst du auch in der schönsten Musik nicht mehr als in dem Winde, der vor deinen Ohren vorbeisaust, als in dem Bache, der vor deinen Füßen vorbeirauscht. Was ergreift dich also, wenn dich der Ton ergreift? Was vernimmst du in ihm? Was anders, als die Stimme deines eignen Herzens? Darum spricht das Gefühl nur zum Gefühl, darum ist das Gefühl nur dem Gefühl, d.h. sich selbst verständlich – darum, weil der Gegenstand des Gefühls selbst nur Gefühl ist. Die Musik ist ein Monolog des Gefühls. Aber auch der Dialog der Philosophie ist in Wahrheit nur ein Monolog der Vernunft: der Gedanke spricht nur zum Gedanken. Der Farbenglanz der Kristalle entzückt die Sinne; die Vernunft interessieren nur die Gesetze der Kristallonomie. Der Vernunft ist nur das Vernünftige Gegenstand.
[Feuerbach: Das Wesen des Christentums. Philosophie von Platon bis Nietzsche, S. 46405 (vgl. Feuerbach-Wesen Bd. 1, S. 45f) - http://www.digitale-bibliothek.de/band2.... ]Keine Regel erweist sich als repressiver denn die selbstgestellte. Ihr Ursprung in Subjektivität gerade wird zur Zufälligkeit beliebiger Setzung, sobald sie sich positiv dem Subjekt als regulative Ordnung entgegenstellt. Die Gewalt, die die Massenmusik den Menschen antut, lebt fort am gesellschaftlichen Gegenpol, bei der Musik, die den Menschen sich entzieht. Wohl ist unter den Regeln der Zwölftontechnik keine, die nicht aus der kompositorischen Erfahrung, aus der fortschreitenden Erhellung des musikalischen Naturmaterials notwendig hervorginge. Aber jene Erfahrung hatte den Charakter der Abwehr kraft subjektiver Sensibilität: daß kein Ton wiederkehre, ehe die Musik alle andern ergriffen hat; daß keine Note erscheine, die nicht in der Konstruktion des Ganzen ihre motivische Funktion erfüllt; daß keine Harmonie verwendet werde, die nicht eindeutig an dieser Stelle sich ausweist. Die Wahrheit all dieser Desiderate ruht in ihrer unablässigen Konfrontation mit der konkreten Gestalt der Musik, auf die sie angewandt werden. Sie besagen, wovor man sich zu hüten habe, nicht aber wie es zu halten sei. Das Unheil geschieht, sobald sie zu Normen erhoben und von jener Konfrontation dispensiert werden. Der Inhalt der Norm ist mit dem der spontanen Erfahrung identisch. Vermöge seiner Vergegenständlichung jedoch verkehrt er sich in den Widersinn. Was einmal das nachhorchende Ohr gefunden hat, wird entstellt zum erfundenen System, an dem abstrakt Richtig und Falsch der Musik sich nachmessen lassen soll. Daher die Bereitschaft so vieler junger Musiker – gerade in Amerika, wo die tragenden Erfahrungen der Zwölftontechnik entfallen – im »Zwölftonsystem« zu schreiben, und der Jubel, daß man einen Ersatz für die Tonalität gefunden habe, so als ob man es in der Freiheit nicht einmal ästhetisch aushalten könnte und diese unter der Hand durch neue Willfährigkeit zu substituieren habe. Die totale Rationalität der Musik ist ihre totale Organisation. Durch Organisation möchte die befreite Musik das verlorene Ganze, die verlorene Macht und Verbindlichkeit Beethovens wiederherstellen. Das gelingt ihr bloß um den Preis ihrer Freiheit, und damit mißlingt es. Beethoven hat den Sinn von Tonalität aus subjektiver Freiheit reproduziert. Die neue Ordnung der Zwölftontechnik löscht virtuell das Subjekt aus.
[Band 12: Philosophie der neuen Musik: Schönberg und der Fortschritt. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 10081, (vgl. GS 12, S. 69-70) - http://www.digitale-bibliothek.de/band97... ]
Feuerbach ist klar und präzise (Wittgensteins Satz: worüber man nicht reden könne, darüber solle man schweigen vorwegnehmend) – bis auf die offen gelassene Frage, was vernünftig sei. Hier gerät er in den gleichen unendlichen Zirkel wie Kant: dass vernünftig sei, was der Vernunft in ihrer Beschränkung zugänglich sei; und dass Vernunft der Gebrauch des Verstandes bezüglich vernünftiger Fragen sei. Nicht sehr hilfreich!
Adorno versucht, diesem Zirkel durch die Annahme eines strukturellen Aufklärungsbegriffs zu entgehen (in der ‘Dialektik der Aufklärung’ materialreich entwickelt): in den Hervorbringungen der Menschen zeigten sich Schichten der mythologischen Naturverfallenheit wie auch Momente rationaler Eroberung von Herrschaft über die Natur zum Zwecke der Selbsterhaltung. Indem philosophisches Denken aus dem Kreis der Rationalitätsverpflichtung ausbricht und einen Meta-Standpunkt einnimmt, könne sie das Unvernünftige (Nicht-Identische) ohne Vereinnahmung und damit Entmächtigung vernünftig durchdenken. Die Trennung des Vernunftvermögens in eine ‘richtige’ (objektive, dialektische) und eine ‘falsche’ (instrumentelle, positivistische) Variante macht jedoch ebenfalls Bauchschmerzen, da unklar bleibt, wie diese Vernünfte entstehen, sich trennen und vermischen und wie eine begriffliche Scheidung zwischen beiden zu leisten wäre, ohne im definitorischen Verfahren dem Positivismus oder dem Irrationalismus anheim zu fallen. Letztlich bleibt die objektive Vernunft (im Gegensatz zur instrumentellen) zu theologisch, gottnah, als dass sich in unserer entzauberten DenkWelt anders damit verfahren liesse, als sie durch schlichte Fetischbildung selber zu verdinglichen. Speziell in der Vorlesungsmitschrift ‘Ontologie und Dialektik’ hat Adorno dieses Verhängnis durchbuchstabiert, aber letztlich im Vagen stehen lassen müssen. Auch nicht sehr hilfreich!
Gibt es ein Drittes?
Comment / 10-02-2009 / 16:43
Schiller?
“Über diejenigen Ideen, welche in dem praktischen Teil des Kantischen Systems die herrschenden sind, sind nur die Philosophen entzweit, aber die Menschen, ich getraue mir es zu beweisen, von jeher einig gewesen. Man befreie sie von ihrer technischen Form, und sie werden als die verjährten Ansprüche der gemeinen Vernunft und als Tatsachen des moralischen Instinktes erscheinen, den die weise Natur dem Menschen zum Vormund setzte, bis die helle Einsicht ihn mündig macht. Aber eben diese technische Form, welche die Wahrheit dem Verstande versichtbart, verbirgt sie wieder dem Gefühl; denn leider muß der Verstand das Objekt des innern Sinns erst zerstören, wenn er es sich zu eigen machen will. Wie der Scheidekünstler, so findet auch der Philosoph nur durch Auflösung die Verbindung und nur durch die Marter der Kunst das Werk der freiwilligen Natur. Um die flüchtige Erscheinung zu haschen, muß er sie in die Fesseln der Regel schlagen, ihren schönen Körper in Begriffe zerfleischen und in einem dürftigen Wortgerippe ihren lebendigen Geist aufbewahren. Ist es ein Wunder, wenn sich das natürliche Gefühl in einem solchen Abbild nicht wiederfindet und die Wahrheit in dem Berichte des Analysten als ein Paradoxon erscheint?” (Zitat: ‘Über die ästhetische Erziehung des Menschen’, 1.Brief)
Hilfreich? Mir reicht’s.
Comment / 10-03-2009 / 00:43
2x täglich 10 Minuten meditieren, dass bringt die Gefühlswelt und den Verstand wieder in Einklang.
Die Trennung von Vernunft und Sinnlichkeit ist künstlich, da sich die Begriffe letztlich aus der sinnlichen Erfahrung konstituieren. Läuft das nicht auf Kant hinaus?
Comment / 10-03-2009 / 08:53
eine echt schöne stelle, danke.
trotzdem: ich glaube nicht, dass der mensch wie ein naturding funktioniert (obwohl er natürlich eines ist): dass alles schon in ihm angelegt ist, wonach er sich richtet (gemeine vernunft, moralischer instinkt) und dass verstandestätigkeit nur entbergen muss bis zur hellen vernunft. das ist die gleiche denkkonstruktion wie bei den frankfurtern. und die ganzen gefühlsmechaniker (esoteriker, mystiker, gutmenschen und naturburschen) glauben das auch; und nebenbei auch letztlich die psychoanalyse …
non credo!
Comment / 10-03-2009 / 09:00
Die Trennung von Vernunft und Sinnlichkeit ist künstlich
wenn dem so ist, welche kraft hat diese trennung bewirkt? und ist diese kraft natürlich oder künstlich? sollte sie natürlich sein, wäre die trennung ein selbstgespräch der natur; wäre sie künstlich, gerietest du in einen unendlichen regress.
ich halte die ursprüngliche trennung von technik und instinkt für natürlich. und den ausbau der trennung für gesellschaftlich (machtinduziert).
Comment / 10-03-2009 / 10:52
wer wegen des auseinanderdriftens (oder ist es schon abspaltung?) von verstand und gefühl zur technik der meditation greift, ist möglicherweise ‘opfer’ seiner zeit (und ihrer erzeugbaren gefühle) geworden – siehe ‘köstritzer’.
oder aber, und das stimmt hoffnungsfroh: aufklärung geht in eine neue (finale?) runde, die den gefühlsverhau da aufräumt, wo er erkennbar belastet und so der Moral eine neue, befreite ästhetik verpasst. aber welche? von ihrem aussehen und ihrer wirkung habe ich nur vage vorstellungen.
droht den pandemisch erkalteten ‘influenza’ und wird ihr ebenso bemüht (aggressiv + effizient) begegnet werden wie der seuche depression? ja, sag ich voraus, denn wir sind so weit und auch so frei, unser ablauschvermögen beim ‘selbstgespräch der natur’ weiter zu perfektionieren. im vergleich zu ihr sind wir nämlich die deutlich innovativeren: wenn wir umstände schon nicht ändern können, passen wir eben den menschen an sie an …
und: why not
?
Comment / 10-03-2009 / 12:38
wenn dem so ist, welche kraft hat diese trennung bewirkt?
Es gibt keine Trennung, sie ist ein Vorurteil der Vernunft über sich selbst. Sowohl Instinkt als auch Technik beruhen auf wiederholbarer Erfahrung. Ein Teil dieser Erfahrung bilden die Schlussregeln (Syllogismen) durch die sich u.a. der Verstand konstituiert. (Die Schlussregeln auf die der Mensch zugreift orientieren sich an hinreichend großer Wahrscheinlichkeit und nicht an Präzision, daher fällt uns Mathematik so schwer.) Das Vorurteil kommt zu Stande, weil bei der Informationsverarbeitung interne, autonome Prozesse unterschiedlich stark bei der Begriffsbildung mitwirken. Die von externen Prozessen getriebene Begriffsbildung ordnen wir dem Instinkt zu, die Begriffsbildung durch interne Prozesse dem Verstand. Wobei es zwischen beiden wahrscheinlich nur ein gradueller Unterschied besteht.
Um die Sache noch zu verkomplizieren, wirken im Instinkt nicht nur individuelle Erfahrungen, sondern auch die Erfahrungen der Spezies.
Comment / 10-03-2009 / 15:02
wenn wir umstände schon nicht ändern können, passen wir eben den menschen an sie an .
ja, ja, so funktioniert unsere gesellschaft – leider!
Comment / 10-03-2009 / 15:59
verstehe nicht ganz, warum du ein ‘leider’ hinten dranhängst, @andreas, und anderseits nicht glauben willst (‘non credo!’
, dass das ‘naturding’ mensch gemäss der ‘denkkonstruktion’ der frankfurter und der psychoanalyse funktioniert. wenn du recht hättest und nicht sie (denen ich glaube), dann solltest du jeden pharmazeutischen eingriff (in die psyche) begrüssen: ‘hallo, eingriff, mach doch mal, dass wir besser funktionieren, dass wir gebrauchte, verbrauchte und nur mehr hinderliche gefühle ablegen … oder so, und z. b. musik nicht nur mit dem kopfhörer, sondern voll nur mit dem kopf hören – nachdem die sonstigen resonanzböden als ‘feelings’ zuvor medikamentös ausgeknipst wurden.
das schiller’sche geschwalle vom angelegten zu Entbergenden, vom sodann befreiten, hehren und schönen (wenn er nur wolle) ‘naturding’ mensch ist nicht mehr hilfreich, es ‘reicht’ … zu wissen, dass er’s nicht bringt. die psychoanalyse (und ihr immer höher frequentierter reparaturbetrieb) beweist nur, dass er wollend strebt oder strebend will – sonst ginge er nicht hin. gesprächsweise ändern wird sie das ‘naturding’ nicht, es sei denn, sie nimmt eine fortschrittliche position ein und greift zusätzlich zu harten drogen wie betablockern und antidepressiva, den hybridmotoren der zeit …
Comment / 10-03-2009 / 17:13
Kant hat gefragt, was den Menschen nötigt (nezessitiert, und was den Menschen nur “anrührt” (affiziert).
Comment / 10-03-2009 / 17:37
… manchmal nötigt auch, was anrührt – ohne ‘nur’ und aber :
http://www.youtube.com/watch?v=AhOeK57OZdw
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