Vorlesen

Auf Aisthesis findet sich ein schön böser Artikel über ein in der Tat unsägliches Machwerkstück in der Zeit: es geht dort um eine quasi biologische Begründung der Tatsache, dass die nichttonale Musik so spärlich rezipiert wird. An einem Satz bin ich festgehakt: “Sicherlich ist Adorno nicht sakrosankt, und man kann über seine Sicht des Jazz diskutieren.” YÄH! Dann woll’n wa ‘mal:

Adornos Jazz_Gedenke hat mir noch nie richtig ‘gefallen’: weil es auf eine ziemlich unangemessene Weise böse ist; weil seine Galligkeit nicht recht von den tatsächlichen ästhetischen (besser: ästhetiktheoretischen) Einwänden gedeckt wird. Schlagend deutlich wird diese überschiessende Emotion in einem Jazz-Essay aus dem Jahre 1933 (einem Adorno von interessierter Seite stets vorgehaltenen und von ebenso – aber eben anders – interessierten Kreise stets verschwiegenen anpasserischen Fehltritt).

Die Verordnung, die es dem Rundfunk verwehrt, ›Negerjazz‹ zu übertragen, hat vielleicht einen neuen Rechtszustand geschaffen – künstlerisch aber nur durchs drastische Verdikt bestätigt, was sachlich längst entschieden ist: das Ende der Jazzmusik selber. Denn gleichgültig, was man unter weißem und unter Negerjazz verstehen will, hier gibt es nichts zu retten; der Jazz selber befindet sich längst in Auflösung, auf der Flucht in Militärmärsche und allerlei Folklore; mehr noch, er hat sich als pädagogisches Mittel ›rhythmischer Erziehung‹ stabilisiert und damit sichtbar die ästhetischen Ansprüche preisgegeben, die er zwar nicht und niemals im Bewußtsein der Tanz-Produzenten und -Konsumenten, wohl aber in der Ideologie der fixen Kunst-Komponisten erhob, die einmal dachten, davon sich befruchten zu lassen. Sie müssen sich nach anderem umsehen und sind gewiß schon dabei; in den überlebenden Bars aber wird bald der letzte eingeschobene Scheintakt, die letzte Dämpfertrompete wo nicht ungehört, so doch ohne Choc verklingen.
[Band 18: Musikalische Schriften V: Abschied vom Jazz. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 15635 - (vgl. GS 18, S. 795) - http://www.digitale-bibliothek.de/band97... ]

Diese klammheimliche Freude am Verstummen (und sei’s des Mediocren) ist mir unheimlich. Der Kulturknüppel schlägt zur Ruhe. Das ist hässliches Denken, undialektisches. Denn eigentlich wäre aus dem Verbot, aus dem Eingeständnis der Mächtigen, durch ein ästhetisches Etwas irritiert, gefährdet zu sein, eben diesem Etwas die (vielleicht letzte) Würde eines Ohnmächtigen, eines Devianten, schlicht des Unidentischen zuzusprechen.

Es ist eine der grössten Fehlstellen, ein blinder Fleck bei Adorno, dass er die emanzipative Rolle des Tausches (des ‘Gleich-um-Gleich’) über seine verabsolutierte, fast schon fixe Idee des nur qualitätseinebnenden Charakters der Tauschgesellschaft vergisst. Jazz, Rock, Punk haben stets (auch als letztlich industriell produzierte Massenware) ein Moment der sozialen, ethnischen, moralischen Revolution in sich beherbergt: oben-unten, schwarz-weiss, gut-böse: im Taumel der Starverehrung (böse, böse!) wird eine Gleichheit hergestellt, die der gesellschaftlichen Diskriminierung fett entgegensteht. Die Modelle der populären Musik haben etwas unausrottbar Widerborstiges, eine Aura des Unangepassten (bei aller öden Passgenauigkeit der musikalischen Formen). In der glitzernden, funkelnden und lückenlos massierten Warenwelt diese Momente des strukturellen Widerstands aufzufinden und dem gepanzerten Tauschimperium desintegrierend abzuzwingen, wäre eine gute Aufgabe dialektischer Denkkunst gewesen. Aber das verwöhnte Bürgersöhnchen mochte einfach nicht. War wohl zu wenig exclusiv! Zu massenmatschig.

Naja, musste ‘mal ‘raus …