Vorlesen

In der gegenwärtigen islamkritischen Diskussion wird, wenn ich das richtig sehe, oft unterstellt, der Islam müsse als Religion bekämpft werden, weil er (anders als das Christentum) inhärent antitolerant sei, sowohl gegenüber den eigenen Leuten (Bestrafung von Abweichlern usw.) als auch gegenüber Ungläubigen.

Meine erste These lautet dagegen, dass der Wortlaut der Grundlagentexte einer Religion nicht über deren Toleranz entscheidet. Das Christentum hätte mit Grundgedanken wie Feindesliebe, die andere Backe hinhalten, nicht zu richten (um nicht gerichtet zu werden) und nur bei eigener (unmöglicher) Sündenlosigkeit den ersten Stein zu werfen niemals die Brutalität entwickeln dürfen, die mit Zwangsmissionierungen, Kreuzzügen, Waffensegnungen und Inquisitionen traurige geschichtliche Wahrheit geworden ist. Das Judentum dagegen hat mit einem Text, der z.B. in der Erzählung vom Goldenen Kalb eine irre Brutalität nahelegt,* in der Diaspora eine Haltung der Duldsamkeit entwickelt, die eher christlich zu nennen ist. Vom Islam hat das Christentum die erste Aufklärung erhalten (12. und 13. Jahrhundert). Heute haben sich die Seiten vertauscht. Das Christentum ist allerdings nicht aus sich selbst heraus tolerant geworden (die historische Chance dazu hätte es mit Abaelard, Thomas von Aquin, Meister Eckhard usw. gehabt, aber ungenutzt verstreichen lassen), sondern ist zur Toleranz gegen heftigen Widerstand gezwungen worden, wobei der Erfolg des Islam ja auch in christlichen Kreisen neue Begehrlichkeiten in Richtung auf Senkung des Toleranzniveaus nährt.

Meine zweite These lautet mithin, dass es die Identität einer Religionsgemeinschaft nicht untergräbt, wenn sie zur Toleranz gezwungen wird. Judentum (gezwungen durch die Umstände) und Christentum (gezwungen durch die liberale Revolution) sind dafür Beispiele. Der Feind ist damit nicht der abstrakte Islam, sondern es sind die konkreten Vertreter, die ihn benutzen, um politische Interessen durchzusetzen, so wie auch das Christentum lange Zeit im Dienst der Herrschaft stand.

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* Mose “sagte zu ihnen [den Leviten, die sich bereit erklärten, für den Herrn gegen die Verehrung des Goldenen Kalbs zu kämpfen]: So spricht der Herr, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten. Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte” (Ex 32,27-28). Sozialgeschichtlich ist es eindeutig, dass hier in der Herausbildung zentraler Herrschaftsstrukturen (Staat) ein Kampf gegen die segmentäre Opposition (Verwandschaftssolidarität) geführt wird: An ihre Stelle tritt die Identifizierung mit den ideologischen (religiösen, nationalen usw.) Grundsätzen.