Rolf Wiggershaus weist in seinem Schmöker ‘Die Frankfurter Schule’ (dtv 30174) darauf hin, dass eine der zentralen Ankerstellen Adornos bei Marx die folgende sei:
Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als die partie honteuse der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen.
[Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW Bd. 1, S. 381)
In der Tat ist das das zentrale Motiv in Adornos Musikphilosophie: dass Musik in ihrem Material und ihrer Verfahrensweise sowohl einen Ort zu markieren habe, der ausserhalb des gesellschaftlichen Banns stände wie auch das gesellschaftlich Gemachte, Verunstaltete von Material und Verfahren in einer solchen Utopie durchscheinen + wirken zu lassen. Diese Zuweisung einer Erkenntnisfunktion hält Adornos Musikbegriff weit ausserhalb der Amüsiersphäre und macht es ihm auch unmöglich, in dieser irgend noch differenzierend zu werten. Daher sein notwendiger Wertungseinheitsbrei für Schlager, Jazz und Pop.
Wer ein freundlich-molliges Liedlein über Vietnam singt, macht selbst dieses Grauen noch lecker konsumierbar: weil weder musikalisches Material noch die kompositorische Arbeit sich dem Inhalt gewachsen zeigen. Obwohl vielleicht gerade die ungeheuerliche Diskrepanz zwischen Mittel und Zweck mir ‘damals’ den Frost in’s Herz ziehen liess und die Haare zu Berge stehen …
Pingback / 11-07-2009 / 13:08
[...] am November 7, 2009 Umfassend und behutsam legt Bersarin nach in unserer blogübergreifenden Schriftenreihe zu Adornos Kritik populärer Musik – ein wenig wie ein Adler, der über der Beute kreist [...]
Pingback / 11-08-2009 / 11:36
[...] linke ich doch im Gegensatz dazu lieber noch einmal auf die Freiheitsfabrik: Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinz…man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigne [...]
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