Vorlesen

Ich sehe gerade ‘Stadt der Engel’ – Kitsch pur, amerikanischer Kitsch mit unsäglicher Musik Klangmischpoke im Hintergrund (meine Ohren weinen vor Wut): und trotzdem: diese vermantschte Engel-Mensch-Kiste hat Bilder, die mehr die je eigenen Mythologien + Wahnsinnigkeiten beleben, als jede noch so ausgefuchste metaphysische Konstruktion des Geistes. Wenn ich den Kitsch ungemassregelt in mich einlasse, ist er wirkungsmächtiger als jede ästhetische Avantgarde, an die ich mich noch erinnern will.

Wäre das nicht ein Modell, mit dem sich der kulturindustrielle Schund in der und durch die Rezeption veredeln liesse? In früheren, intellektuell ärmeren und ideologisch bestimmteren Zeiten sagte ich mir immer: an einem Donald-Duck-Comic lässt sich mehr Welthaltigkeit realisieren + mehr Glück als bei einer Verdi-Oper. Das mit Verdi sehe ich immer noch so. Aber eine Beethoven-Sonate ist da doch noch enger an mir als Donald.

Aber Ryan & Cage sind schon richtig avanciert: so statusmässig bei Brahms etwa … konstruiert und immer noch harmonisch, formverliebt und im entscheidenden Moment informel … Adorno hat in seinem Hass auf die Kulturindustrie dieser mehr Ehre angetan, als sie verdient – weil Revolutionen keine Massenphänomene sind – zumindest am Anfang nicht. Es platzt im eigenen Kopf. Es?