Die Wissenschaft ist nichts als ein Instrument. Sie kann nicht aussagen, wozu sie ein Instrument ist. Wenn sie erklärt: “zur Naturbeherrschung”, da muss man sie fragen, wozu die Natur beherrschen? Dann antwortet sie: für die gute Gesellschaft, und wenn sie erklären soll, was die gute Gesellschaft ist und warum man sie anstreben soll, dann kann sie keine wissenschaftliche Antwort geben.
Die Wissenschaft ist unfähig, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten, sie kann nachweisen, dass jede inhaltliche Angabe über diesen Sinn auf Aberglaube beruht.
Die kritische Theorie stellt alles dieses fest. Sie weiss, dass es wissenschaftliche Aussagen über Gut und Böse nicht gibt, es sei denn, dass der Psychologe, der Anthropologe und ähnliche Spezialisten uns erklären, wie diese Vorstellungen entstanden sind.
Die menschliche Gemeinschaft fängt jenseits der Wissenschaft an, da, wo ich mich mit anderen darum bemühe, die Werte, die ich als Werte empfinde, zu verwirklichen. Eine Autorität dafür, dass ich damit richtig handle oder gar so handeln muss, gibt es nicht. Man hat sich bei seinen Handlungen einmal auf Gott berufen, aber heute pfeifen es die Spatzen von allen Dächern, dass er tot ist.
Die Wissenschaft ist ein blosses Instrument und insofern persönlichen Entscheidungen nicht überlegen, die ein in einer bestimmten Kultur lebender Mensch trifft. Wenn ich sage, eine bestimmte Verhaltensweise gilt in der Wissenschaft als Aberglaube, dann liegt darin auch der Protest gegen die Unwahrheit der Wissenschaft. Der Zweifel an der Bedeutung der Entscheidung liegt an der Sprache, die so aussieht, als ob die Wissenschaft darüber zu entscheiden habe, was wahr und falsch, gut und böse ist.
Die Wahrheit fängt dort an, wo die Sehnsucht die Menschen über die Wissenschaft hinausführt. Das lässt sich nicht “beweisen”. Aber was heisst beweisen? Den Nachweis bringen, dass die in wissenschaftlichen Sätzen formulierten Erwartungen an dem Ort und in dem Zeitpunkt erfüllt werden, die in eben diesen Sätzen bestimmt worden sind.
Das Paradox: die Wissenschaft erklärt, dass alles, was das Leben lebenswert macht, blosser Aberglaube sei. Aber sie kann nichts über die Wahrheit aussagen, ist blosses Instrument und weiss noch nicht einmal wofür sie ein Instrument ist. Die Frage “wozu” führt zu einem Regress, der alles andere als unendlich ist. Nach wenigen Schritten muss die Wissenschaft verstummen, denn sie kommt in einen Bereich, den sie eben selbst als Aberglauben abgetan hat.
Der Mensch fängt aber erst da an, wo es ihm auf die Dinge ankommt, welche die Wissenschaft als Aberglaube degradiert hat.
[Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 14, S.414f - Fischer Taschenbuch 7388]
Diese Denkfigur mit dem Mises zusammenbändeln … das wäre doch was, gell? Vielleicht hat ja jemand eine Idee, wie eine gewissermassen gemeinsame Formulierung dieser Grundannahmen aussähe …
Comment / 11-11-2009 / 18:03
Die Kurve von Horkheimers Wissenschaftskritik (‘Die Wahrheit fängt dort an, wo die Sehnsucht die Menschen über die Wissenschaft hinausführt’
zum ehrenwerten Mises krieg’ ich nicht, aber dieser Nietzsche-Brocken fällt mir dazu ein:
“Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu perzipieren? Verschweigt die Natur ihm nicht das allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluß der Blutströme, den verwickelten Fasererzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewußtsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewußtseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, daß auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!” (Auszug aus ‘Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn’
Ich fürchte, wir werden’s erfahren, wenn uns demnächst die ‘achte Kränkung’ ereilt: die Neurobiologie …
Comment / 11-11-2009 / 18:22
p.s.: neiiiiiiin, sorry
die ‘neuente kränkung’ wär’ das dann schon – wie ich soeben unter ‘Mises der Woche’ nachgelesen habe; ein sehr interessanter link war das übrigens da drin, danke!
Comment / 11-11-2009 / 20:25
M.E. ist das schon die erkenntnis/wissenschaftstheoretische Position von von Mises.
Theorie als begriffliches System ist danach immer nur Erkenntnismittel, nicht die Erkenntnis selbst.
Der Erkenntnisinhalt selbst ist nicht ausdrückbar, ist unsagbar. Das eigentliche Verstehen ist außerbegrifflich, vorbegrifflich.
Hier deutet sich diese Position auch schon an:
http://www.mises.de/public_home/article/275/1
Comment / 11-11-2009 / 20:36
Und hier:
http://www.mises.de/public_home/article/276/1
Comment / 11-12-2009 / 15:04
danke für die wertvollen links, @hanz! so lange mises nicht als nationalökonom spricht*, bin ich von seinen gedankengängen sehr angetan.
*was weniger an ihm liegen dürfte, sondern an meinem weltanschaulich verbarrikadierten zugang …
Comment / 11-13-2009 / 00:00
Nunja, er spricht da als Praxeologe (Praxeologie=Wissenschaft vom menschlichen Handeln). Ökonomik sieht er nur als Spezialfall der Praxeologie an. Also wenn man so will, spricht er da gerade als “Nationalökonom”. Wobei sich diese “österreichische” Nationalökonomik fundamental von der “deutschen” unterscheidet. Die erstere ist reine Formal- oder Begriffswissenschaft, letztere ist empirisch, datensammlerisch, also im Grunde eher Ökonometrie, Wirtschaftsvermessung.
Comment / 11-13-2009 / 08:03
Gegen eine rein deskriptive Wirtschaftswissenschaft spricht ja nichts.
Solange man nicht bei der Interpretation aggregierter Daten dem Trugschluss anhängt, man könnte darin post hoc Kausalitäten erkennen oder gar diese falschen Erkenntnisse für Politik nutzen.
“Der Erkenntnisinhalt selbst ist nicht ausdrückbar, ist unsagbar. Das eigentliche Verstehen ist außerbegrifflich, vorbegrifflich.”
Kannst du das näher erläutern?
Comment / 11-13-2009 / 13:23
@ hanz
Ist zwar jetzt OT, aber wie kann dann der Praxeologe (Mises), der sich mit menschlichem Handeln auskennen will, z. B. eine so provokante Behauptung in die Welt setzen:
“(…
In einer Marktwirtschaft, die nicht von durch die Regierung auferlegten Eingriffen sabotiert wird, ist es die ausschließliche Schuld jedes einzelnen, wenn er nicht den Schokoladenkönig, den Filmstar oder den Boxmeister überholt.”
Was für eine ‘Schuld’ meint er denn da? Die einer persönlichen (genetisch bedingten) Verfasstheit und der sich möglicherweise daraus ergebenden Unfähigkeit, einen Schokoladenkönig zu überholen, kann’s nicht sein; aber egal, mich jedenfalls führt so ein beschränktes, mechanistisches Menschenbild spontan zur Verteidigung eines jeden ökonomischen Verteilersystems
…
Comment / 11-13-2009 / 17:24
Was Freiheitsfabrikanten der arroganten Wissenschafts- und Kulturkritik von Adorno und Horkheimer abgewinnen können, habe Ich immer noch nicht raus. Die Wissenschaft ist nur ein Instrument. Sie sagt “uns” nicht, was wahr oder falsch, gut oder böse ist. Na und? Niemand sagt “uns” das, auch keine sogenannte “Kritische Theorie”.
Viele Grüße
Uli
Comment / 11-18-2009 / 16:32
@elsa
Vermutlich Schuld im Sinne von Verantwortung bzw. Fehler (fault im Original).
Wer ist daran “Schuld”, dass ein professioneller Sprinter als letzter ins Ziel kommt? Er selbst oder die anderen vor ihm, die “Umstände”, seine evtl. schlechteren physischen Voraussetzungen?
Nur er selbst.
Das ist eben der klassisch-liberale Standpunkt, dass es nur um die Dinge gehen kann, die ein Mensch als Handelnder bewusst entscheiden kann und für nicht mehr oder weniger ist er verantwortlich. Nur in dieser Handlungssphäre lässt sich etwas ändern, also nur sie kann Gegenstand irgendwelcher ethischen Urteile bzw. Moralen sein.
>>eines jeden ökonomischen Verteilersystems
Du meinst politisches Verteilersystem.
Wobei ja nun gerade dafür auf gröbste und kurzschlüssigste Weise argumentiert wird.
Mises’ “The Anticapitalistic Mentality ” ist halt ein klassisch-liberales Pamphlet, eine Gegenposition zur Gegenposition. Da kann man nun eher nicht verästelte sowohl-als-auch-Kompliziertheit erwarten. Da geht es um eine klare, einfache, kommunizierbare Positionen.
Comment / 11-19-2009 / 00:21
@der mit der werbung tänzelt
Siehe dazu den verlinkten Text zur Differenz zwischen Begreifen und Verstehen.
“Verstehen” mit Begriffen verstehbar machen zu wollen, stößt nun gerade an die Grenze des begrifflich Möglichen. Gerade dass man es nicht “näher erklären” kann – im Sinne einer sprachlich-begrifflich Vermittlung von Sinn oder Bedeutung – demonstriert das eigentliche Problem.
Oder so gesagt: mit dem Sinn oder der Bedeutung ist jeder allein. Der Sinn ist er selbst und geht damit voraus bzw. steht außerhalb. Der Begriff, das Wort, die Sprache folgt.
Comment / 11-19-2009 / 11:33
“Was für eine ‘Schuld’ meint er denn da? Die einer persönlichen (genetisch bedingten) Verfasstheit und der sich möglicherweise daraus ergebenden Unfähigkeit, einen Schokoladenkönig zu überholen, kann’s nicht sein; aber egal, mich jedenfalls führt so ein beschränktes, mechanistisches Menschenbild spontan zur Verteidigung eines jeden ökonomischen Verteilersystems”
Schuld = Verantwortung bzw. in der Person liegende Ursache.
Du gehörst also zu den Gleichmachern? Alle plattmachen, Hauptsache, keiner kann und hat mehr als andere?
@hanz:
Kennst du C.S. Peirce?
Comment / 11-19-2009 / 13:11
>>> “Du gehörst also zu den Gleichmachern? Alle plattmachen, Hauptsache, keiner kann und hat mehr als andere?”
Eine sehr freie Interpretation
, @freiheitsfreund, und ein kurzschluss dazu: weil eben nicht alle gleich sind (und ich sie auch nicht nadelöhrgängig machen will), kann nicht von ‘schuld’ – auch nicht im sinne von verantwortung – gesprochen werden.
der ‘gleichmacher’ ist hier mises selbst, indem er mit diesem ausspruch neben der fähigkeit auch den willen zum überholen voraussetzt und sich offenbar (jedenfalls hier) von einem allgegenwärtigen, jedem marktteilnehmer innewohnendem und verfügbaren konkurrenzdenken leiten lässt.
das und sonst nix war mein kritikpunkt – gegenüber dem mechanistischen (oder ökonomistischen) Menschenbild, das sich hier zeigt …
Ja, @hanz: *politisches* verteilersystem! danke für die sinnvolle korrektur; inhaltlich bleibe ich allerdings eisern dabei, dass verteilen notwendig bis sinnvoll werden kann
Comment / 11-19-2009 / 23:10
Mises schreibt aber nix davon, dass ausnahmslos jeder irgendwelche Schokoladenkönige überholen will. Gemeint sind nur jene, die es wollten, aber es nicht schafften und dann nicht den Fehler bei sich selbst suchten, sondern bei den “Umständen”, den anderen usw. und dann als nächsten Schritt Vati Staat um Hilfe baten.
>>>inhaltlich bleibe ich allerdings eisern dabei, dass verteilen notwendig bis sinnvoll werden kann
Nur dass das gar nicht der Streitpunkt ist, sondern, wie schon unzählige Male hier diskutiert, die Art und Weise, wie verteilt wird: auf politischem oder ökonomischem Wege.
Comment / 11-20-2009 / 08:27
>>> ” … die es wollten, aber es nicht schafften … usw.”
woher weisst du das, @hanz? mir erschliesst sich das nicht …
was lag vor? ein freistehendes mises-zitat mit dem reizwort ‘schuld’, dessen für mich unbefriedigende umdeutung in ‘verantwortung’ und schliesslich die reflexhafte zuweisung des klischees vom plattmachenwollen, wenn ein verteilersystem grundsätzlich befürwortet wird; erneut darüber streiten, wie es aussehen könnte, wollte ich nicht, aber bekräftigen, dass es ohne nicht gehen wird – eines zu definierenden sozialen friedens (und nicht einer ominösen ‘gerechtigkeit’
wegen.
wir könnten uns vielleicht noch fragen, was so ein ‘schokoladenkönig’ eigentlich darstellt und warum es für den einen oder anderen noch heute möglich und erstrebenswert sein sollte, ihn (also ‘nestlé’
zu überholen
…
Comment / 11-20-2009 / 14:18
Das gesamte Buch (neben unzähligen anderen Mises-Texten) ist als kostenloser e-text verfügbar.
Es gibt also keine nennenswerten Ausreden, es bei einem “frei stehenden Zitat” belassen zu müssen. Kontext en masse.
Und noch einmal: Welcher Liberale oder Libertäre hat denn etwas gegen Verteilung?
Der freiwillige Tausch ist ja nun das soziale “Verteilungssystem” schlechthin und Mises wohl der Letzte, der sich dagegen aussprechen würde.
Ansonsten müsste man wohl Autarkie/Subsistenz statt Arbeitsteilung propagieren.
Comment / 11-20-2009 / 14:32
Letztlich kommt man nicht umhin, Ross&Reiter zu benennen, etwa wie es Kirchhof in der FAZ neulich getan hat. Es geht um “nicht freiwillige” ergo erzwungene Beiträge, die -nochmalig- verteilt werden sollen. Die freiwillige Kontribution ist nicht genug. Das oktroyierende Zwangselement ist zwingend notwendig, aus etatistischer Perspektive.
Ansonsten wüsste ich nicht, was der Streitpunkt ist. Denn gegen Verteilung hat sicher niemand etwas einzuwenden.
Comment / 11-20-2009 / 21:33
@ hanz:
zu mises: gut, ein geeigneter kontext entfällt (vorläufig); das zitat halte ich dennoch für ‘daneben’. und die form der ökonomischen ‘verteilung’, von der du sprichst, entfällt sowieso als kritikpunkt. zum ‘streitpunkt’: da sehe ich keinen anderen als du – mit dem unterschied, dass ich ihn als solchen gar nicht haben wollte. nein, ich wollte mich gegen die vermeintlich neidgesteuerte plattmacherin (des ‘freiheitsfreundes’
wehren – eine platte zuweisung, wie ich sie aus diskursen zwischen liberalen und linken zur genüge kenne.
aber wenn wir schon dabei sind: ich fand kirchhofs ausführungen sehr überzeugend, und ich selbst muss mich ja auch nicht erst damit outen, dass ich den steuer- und verteilerstaat (aufgrund eines komplexeren menschenbilds als dem, das mises’ zitat mir erlaubt) praktisch billigend in kauf nehme. ‘steuern sind der preis der freiheit’ schrieb kirchhof, und begründete es.
‘steuern sind diebstahl’ hatte zuvor bodo wünsch bei den ‘antibürokraten’ geschrieben; gemeint hat er wohl jenes ‘oktroyierende zwangselement’, das er aus antietatistischer perspektive in den vordergrund seiner betrachtung stellt; ich für mein teil frage mich nach dem sinn des ganzen für’s ganze (!), und das in der festen überzeugung, dass sinn unter inanspruchnahme von verstand und vernunft zwang eliminieren kann.
Comment / 11-21-2009 / 00:55
>>>aufgrund eines komplexeren menschenbilds als dem, das mises’ zitat mir erlaubt
Nuja, so eine Zitat-Zeile kann nun schlecht komplexe Menschenbilder vermitteln, zumal es gar nicht um so eine Vermittlung ging.
Das Ganze war, wie gesagt, gerichtet “to the grumbler who complains about the unfairness of the market system only one piece of advice can be given: If you want to acquire wealth, then try to satisfy the public by offering them something that is cheaper or which they like better.”
if, then. Nix allgemein.
Sicher schmeckt das nicht jedem. Das kann es gar nicht und soll es nicht.
>>>dass sinn unter inanspruchnahme von verstand und vernunft zwang eliminieren kann.
Hoffentlich nicht im Sinne des Sklaven, der sich irgendwann an seinen Herren so vernünftig gewöhnt hat, dass die Ketten unnötig werden und dadurch eigentlich kein Sklave mehr ist. =)
Comment / 11-21-2009 / 08:52
ach, zwang. es ist ein so dermassen alter hut, dass bei weitem nicht jeder freiheit (von zwängen) sucht, haben will oder gar geniessen kann. solang seine unfreiheit nicht gerade auf tyrannis beruht. wenn’s anders wäre, hätte es nie sippenvorstände, häuptlinge, anführer oder chefs gegeben … darunter auch solche ‘herren’, die den zur freiheit eher unbegabten ‘sklaven’ geeigneterweise sagen können, wo’s lang geht. oder sie (mit macht) in die falsche richtung führen, das leider auch …
das mit der freiheitssuche iss imho wie mit einer unbestimmten sehnsucht: spürst du sie nicht, hast du auch keine vorstellung von sowas wie erlösung; nur in diesem auf dauer angelegten zustand kann man, wie über freiheit, endlos phantasieren und spekulieren – und eine libertäre Lehre konstruieren, die halt den feinen webfehler hat, nicht auf existierende, scheinbar verewigte strukturen und gefüge zu passen. aber das macht ja nix
…
Comment / 11-21-2009 / 10:11
p.s.: doch, hanz: so eine zitatzeile sagt viel aus über ein dahinterstehendes menschenbild, ob es um so ein aussage ging oder nicht; mir vermittelt sich jedenfalls der eindruck, dass mises, wenn vom menschen, dann vom homo oeconomicus _*only*_ redet, seine anderen dimensionen also nicht erwägt. absonderlich deshalb die verwendung des begriffs ‘schuld’ anstatt ‘it depends’ oder so – wobei ich der ökonomischen lehre durch den einbezug humanwissenschaftlicher erkenntnisse schon mal einen gewinn anmelden würde …
Comment / 11-21-2009 / 10:55
… und noch was, hanz: wenn du weiter oben (sarkastisch) schreibst, die ‘freiwillige kontribution’ sei nicht genug – meinst du dann, dass, wenn du schon unfreiwillig Mittel ‘beisteuern’ sollst, sie auch kein anderer kriegen soll?
wenn ja, dann scheiden sich hier (im ‘streitpunkt’
die geister: ich habe nichts dagegen, solange genug für alle da ist – und sofern nachzuweisen ist, dass eine bare existenz nicht anders aufrecht zu erhalten wäre, als dass ich sie fördere.
auf die freiwilligkeit solcher (und anderer) abgaben zu bauen, müsste ich aller_dings für schwachsinnig halten …
Comment / 11-21-2009 / 16:18
Na da ist ja einiges zusammengekommen.
>>>und eine libertäre Lehre konstruieren, die halt den feinen webfehler hat, nicht auf existierende, scheinbar verewigte strukturen und gefüge zu passen.
Zum einen sollte man hier erst einmal zwischen präskriptiven und deskriptiven Aussagen unterscheiden.
Libertarianismus besteht vorallem aus einer Norm. Das Nicht-Aggressions-Prinzip (NAP), das keinerlei deskriptive Aussagen macht.
Und präskriptive Aussagen werden zum einen wohl fast immer auf Gegenpositionen prallen. Sie sind also nicht total, sondern partikuläre Positionierungen. Letztlich Meinung.
Und zum anderen prallen sie prinzipbedingt auf einen wahrgenommenen und beschriebenen Ist-Zustand, der eben nicht so ist, wie er sein sollte, sonst gäbe es ja kein Motiv für’s Präskriptive, Normative, Sollende. Das Nicht-Passendsein ist also kein “Webfehler”, sondern überhaupt Ursache und Anstoß, notwendig für jede Dynamik, für jeden Trieb zur Veränderung, für jeden Oppositionswillen.
Beim Gebot “Du sollst nicht stehlen” habe ich bisher auch noch niemanden vernommen, der mit “Webfehler” ankam, vorallem mit der eigenartigen Begründung, dass ja schon immer gestohlen wurde und es schon immer Diebe gegeben hätte und daher das Gebot weltfremd wäre und nicht “passen” würde und überhaupt ein zu einfaches Menschenbild dahinter stünde. Natürlich passt es nicht – jedem. Dem Dieb vorallem nicht. Das dürfte gerade auch dem Gebotsautor bewusst gewesen sein. Wozu sonst überhaupt das Gebot, wenn es keinen Hang zum Diebstahl geben würde(?).
Und sicher haben Konzepte wie “Eigentum”, “Diebstahl” oder auch “Zwang” einen komplexen und sich ändernden Kontext und sind von daher auch keine “alten Hüte”, sondern immer aktuell wie problematisch zu kommunizieren.
>>>doch, hanz: so eine zitatzeile sagt viel aus über ein dahinterstehendes menschenbild,
Die Zeile sagt … die Statistik sagt … die Zahlen sagen … nix. Gar und überhaupt nix, wie Andreas hier mal so treffend schrieb.
Alles “nur” hineingelegter, unterstellter Sinn.
>> solang seine unfreiheit nicht gerade auf tyrannis beruht.
Aber gerade um die “tyrannis” geht’s. Und mir fällt kaum ein passenderes Wort dafür ein, was passiert, wenn man z.B. den Steuerbehörden nicht Folge leistet: es folgt Tyrannisierung. Für ich ist das schlicht asoziales, unzivilisiertes, tyrannisches Verhalten.
>>>wenn vom menschen, dann vom homo oeconomicus _*only*_ redet,
Da kann ich nur noch mit den Augen rollen, weil nun gerade Mises ausdrücklich *nicht* vom homo oeconomicus spricht, sondern vom homo agens.
Davon ab, Sprache funktioniert auch nur in der Differenz. Sprache trennt, teilt, sondert. Ein totaler Begriff wäre wortlos, nutzlos, anwendungslos. Alle Sprache wäre vorbei. So ist es beim Konzept “der Mensch” genau wie bei allen anderen Konzepten auch. Und es wird nun gerade nicht vom homo agens behauptet, dass dieses Konzept allumfassend wäre. Überhaupt liegt oft der Wert im Gesagten gerade darin, dass es möglichst wenig aussagt, wenig behauptet. Was will man vom “Menschen” auch sagen als die allgemeinsten Dinge, also Plattheiten überhaupt. Oder man begibt sich in die Gefahr, Menschen vom Menschsein auszuschließen, weil man wild Prädikate behauptet, die auf sie nicht zutreffen.
Der homo agens ist jedenfalls ein eng umgrenzter Teilaspekt: der handelnde Mensch, der zu unterscheiden ist vom sich nur verhaltenen Menschen, vom schlafenden Menschen, vom bewusstlosen Menschen, vom verwirrten Menschen, vom hässlichen Menschen usw. usf.
Wenn ein Angelsportler vom Angeln philosophiert etwa in einem Buch, dann steht da höchstwahrscheinlich auch nix vom Eiskegeln oder Skatspielen drin. Es wäre nun geradezu albern, ihn nun dafür zu kritisieren, dass man durch die Lektüre seines Buches nix von Eiskegeln oder Skatspielen erfahren hat.
>>>ökonomischen lehre durch den einbezug humanwissenschaftlicher erkenntnisse schon mal einen gewinn anmelden würde
Okönomik *ist* Humanwissenschaft, was denn sonst? Es sei denn, man behauptet, dass das Handeln kein Teilaspekt des Menschen wäre.
Zudem gibt’s zu Haufe ein Zusammengehen von anderen soziologischen Disziplinen und der Ökonomik. Z.b. in Gestalt der Spieltheorie.
>>>absonderlich deshalb die verwendung des begriffs ’schuld’
“Ich bin schuld, wenn ich eine Prüfung vermassele.” It’s my fault. Welches Wort ist hübscher oder passender dafür?
>>>wenn du weiter oben (sarkastisch) schreibst, die ‘freiwillige kontribution’ sei nicht genug
Leute wie Kirchhof meinen das ja nun offenbar völlig und in aller Verstandeskälte ernst und sie meinen es ja nicht nur, sie versuchen nur ex post zu legitimisieren, was längst knallhart durchgesetzt ist.
>>>meinst du dann, dass, wenn du schon unfreiwillig Mittel ‘beisteuern’ sollst, sie auch kein anderer kriegen soll?
Nö. Ich habe nur wiedergegeben, wie ich Kirchhof bzw. die etatistische Position verstehe.
Und ich finde, Kirchhof hat sich dazu unmissverständlich geäußert.
>>>auf die freiwilligkeit solcher (und anderer) abgaben zu bauen, müsste ich aller_dings für schwachsinnig halten …
Bitte sehr. Fragt sich nur noch, was für ein “komplexes” Menschenbild hinter solchen Aussagen steckt. Das Bild vom Menschen, der offenbar nur ausreichend gibt und fördert und hilft, wenn er dazu massiv gezwungen wird. Leider hat dieses Menschenbild auch gröbste “Webfehler”. Sloterdijk (et al.) hat ja dazu einiges geschrieben.
Comment / 11-21-2009 / 19:02
ein kernsatz, den ich mir merke, bevor mich wieder mal … :
Das Nicht-Passendsein ist also kein “Webfehler”, sondern überhaupt Ursache und Anstoß, notwendig für jede Dynamik, für jeden Trieb zur Veränderung, für jeden Oppositionswillen.
Ich weiss das, und es ist schlimm, es nicht auch wissend zu berücksichtigen. aber das schlimmste ist: ich erkenne mich (aus deinen und den eigenen worten) als eine k_o_n_s_e_r_v_a_t_i_v_e !!! das habe ich weder gewollt noch verdient
.
vielen dank für die ausführliche befassung, hanz! mal sehen, was ich daraus machen kann … vom argen vergleich mit dem angler mal abgesehen ;-( … und auch davon, dass ich von ‘tyrannis’ doch eine ärgere vorstellung habe; und von angeblich nix-sagendenden zeilen auch, denn: I feel>/b> some
…
Comment / 11-21-2009 / 19:08
o. k., die misslungene optik verlangt nach korrektur und be_schönigung:
… von angeblich nix-sagenden zahlen, zeilen auch, denn: I feel some …
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