Vorlesen

Die Wissenschaft ist nichts als ein Instrument. Sie kann nicht aussagen, wozu sie ein Instrument ist. Wenn sie erklärt: “zur Naturbeherrschung”, da muss man sie fragen, wozu die Natur beherrschen? Dann antwortet sie: für die gute Gesellschaft, und wenn sie erklären soll, was die gute Gesellschaft ist und warum man sie anstreben soll, dann kann sie keine wissenschaftliche Antwort geben.
Die Wissenschaft ist unfähig, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten, sie kann nachweisen, dass jede inhaltliche Angabe über diesen Sinn auf Aberglaube beruht.
Die kritische Theorie stellt alles dieses fest. Sie weiss, dass es wissenschaftliche Aussagen über Gut und Böse nicht gibt, es sei denn, dass der Psychologe, der Anthropologe und ähnliche Spezialisten uns erklären, wie diese Vorstellungen entstanden sind.
Die menschliche Gemeinschaft fängt jenseits der Wissenschaft an, da, wo ich mich mit anderen darum bemühe, die Werte, die ich als Werte empfinde, zu verwirklichen. Eine Autorität dafür, dass ich damit richtig handle oder gar so handeln muss, gibt es nicht. Man hat sich bei seinen Handlungen einmal auf Gott berufen, aber heute pfeifen es die Spatzen von allen Dächern, dass er tot ist.
Die Wissenschaft ist ein blosses Instrument und insofern persönlichen Entscheidungen nicht überlegen, die ein in einer bestimmten Kultur lebender Mensch trifft. Wenn ich sage, eine bestimmte Verhaltensweise gilt in der Wissenschaft als Aberglaube, dann liegt darin auch der Protest gegen die Unwahrheit der Wissenschaft. Der Zweifel an der Bedeutung der Entscheidung liegt an der Sprache, die so aussieht, als ob die Wissenschaft darüber zu entscheiden habe, was wahr und falsch, gut und böse ist.
Die Wahrheit fängt dort an, wo die Sehnsucht die Menschen über die Wissenschaft hinausführt. Das lässt sich nicht “beweisen”. Aber was heisst beweisen? Den Nachweis bringen, dass die in wissenschaftlichen Sätzen formulierten Erwartungen an dem Ort und in dem Zeitpunkt erfüllt werden, die in eben diesen Sätzen bestimmt worden sind.
Das Paradox: die Wissenschaft erklärt, dass alles, was das Leben lebenswert macht, blosser Aberglaube sei. Aber sie kann nichts über die Wahrheit aussagen, ist blosses Instrument und weiss noch nicht einmal wofür sie ein Instrument ist. Die Frage “wozu” führt zu einem Regress, der alles andere als unendlich ist. Nach wenigen Schritten muss die Wissenschaft verstummen, denn sie kommt in einen Bereich, den sie eben selbst als Aberglauben abgetan hat.
Der Mensch fängt aber erst da an, wo es ihm auf die Dinge ankommt, welche die Wissenschaft als Aberglaube degradiert hat.

[Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 14, S.414f - Fischer Taschenbuch 7388]

Diese Denkfigur mit dem Mises zusammenbändeln … das wäre doch was, gell? Vielleicht hat ja jemand eine Idee, wie eine gewissermassen gemeinsame Formulierung dieser Grundannahmen aussähe …