Vorlesen

… sind meine Lieblingstugenden bei Denkern – ein Pärchen, das sich trefflichst ergänzt:  wo die eine nicht mehr hinreicht, tritt hilfreich die andere zur Seite und übernimmt das Geschäft. Gutes Beispiel – wieder einmal – ist ef-online. Und zwar in seinem philosophischen Aushängeschild, der “Philosophischen Praxis” von Eugen Maria Schulak. Die Nr. 37 hats voll im FreiheiZGriff: Nach einigen anthropozentrisch eingefärbten Romantizismen übers Affenleben kommt der HasenHaken zur Freiheit: “Schimpansen kennen das Postamt nicht. Sie haben nachweisbar niemals Postämter eröffnet. Die Idee des Postamts ist den Schimpansen ein Gräuel.” Womit logisch glasklar bewiesen wäre, dass Schimpansen freiheitsliebende Individualisten sind. Glasklar. Genauso, wie unmittelbar einsichtig ist, dass Menschen (die sowieso etwas sehr blöde sind: “Die meisten Menschen beherrschen ihre Sprache nicht.“) sozialistische Volltrottel sind. Der Philosoph klärt auf: was der Bauer nicht kennt, will + mag er kluger Weise auch nicht!  Evident!

Nicht, dass man den Mangel an Postämtern in der freien Natur nicht als Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier verwenden könnte. Etwa so (von einem Philosophen, der wirklich denken kann): “Die Idee des Sozialismus ist zugleich grandios und einfach … Wir können sogar sagen, daß sie eine der ehrgeizigsten Schöpfungen des menschlichen Geistes ist, … so großartig, so kühn, daß sie zu Recht größte Bewunderung hervorgerufen hat.” (Ludwig von Mises, zitiert in: F.A.v. Hayek – Die verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus, Tübingen 1996, S.2). Und würde man dieses Statement noch mit der ‘Dialektik der Aufklärung’ zusammenbringen, dem Gedanken der zerstörerischen Hybris der menschlichen Vernunft (wer die Frankfurter nicht mag, kann auch oben genanntes Buch von Hayek lesen), dann wäre eine gute Grundlage zum Weiterdenken geschaffen. Dass eben z.B. Tiere gar keine “Idee des Postamts” entwickeln können und sie deshalb auch sich nicht vor dieser grausen können. Und dass Ideen, so gross und edel sie auch daherkommen mögen, zu jeder möglichen Barbarei führen können: zum Beispiel zu der des ‘Postamts’. Und dass Freiheit auch eine Idee ist …

Ich rege mich so auf, weil ich die ökonomiezentrierte, schablonenhafte Verlotterung liberalen Denkens zur spiessbürgerlichen Überlebensmechanik für absolut unsexy halte – in dem ernsthaften Sinne (nicht: sex sells!), dass Freiheit und Eros eine innigere Verbindung haben als Freiheit und Rechenschieber. Mises hat in seiner unschätzbar wichtigen ‘Nationalökonomie’ das Erotische gut in dem scheinbaren Rechenschieberargument versteckt, dass die Wertskalen der einzelnen Menschen einsam + einzigartig, emotional + irrational und erst dadurch handlungsleitend sind (und nur als Handlungsvielklang eine ökonomisch entzifferbare Symphonie bilden). Die Lebenskraft des Einzelnen, sein emotionaler Wille ist die erotisch-treibende Basis jeder Gesellschaft, nicht die klug kalkulierende bürgerlich-ökonomische Zurichtung des Einzelnen durch Wirtschaft, Religion, Staat und Kultur. Freiheit und Lebenskraft sind Schwestern, nicht Freiheit und Kapitalismus.

Eine letzte böse Bemerkung zur angeblich fehlenden Sprachkompetenz ‘der Meisten’: Sprachkompetenz ist immer relativ zum zu beherrschenden Sprachraum zu begreifen. Und der oben zitierte ef-Philosoph ist im philosophischen Sprachraum sicher unbeherrschender als die vielzitierte Lore-Roman-lesende und zum Schwätzen neigende Sekretärin in ihrem Büro. Die verachtende Geste der theoretisch elaborierten gegenüber den alltagstauglich restringierten Codisten hebt zwar das (scheint’s ärmliche) Selbstbewusstsein der Ersteren, ist der Wahrheitsfindung aber nicht gerade dienlich. NiX als hysterische Rauchkerzen der bürgerlichen Bildungsarroganz.