Vorlesen

Der Fall Roman Polanski. Ganz engagiert verhandelt hier. Aber selbst diesem scheinbaren Selbstdenker fallen letztlich nur christlich-bürgerliche Sottisen dazu ein wie (gesellschaftliches) ‘Mitleid’ und (gesellschaftliche) ‘Vergebung’.

Gibt es vielleicht jemanden, der mehr Recht als alle Menschen oder Ideologien dazu hätte, ein verbindliches Urteil zu sprechen: das Opfer selbst? Wird dieses  (inzwischen erwachsen und mündig) auch nur einmal als eigentlich und ursprünglich entscheidende Person erwähnt? Nein, natürlich nicht. Es wird zum reinen Verhandlungsgegenstand – wie beim staatlichen Strafrecht, das Opfern von Vergewaltigungen nur das ‘Recht’ der Nebenklage zugesteht: rechtliche Ideologien erhalten das Vorrecht vor individuellem Leid und dessen Linderung.

Erst wenn ‘Mitleid’ und ‘Vergebung’ als Reaktionen des verletzten Menschen gegenüber dem verletzenden Menschen frei formuliert werden, haben sie Substanz und Geltung schaffende Kraft. Nur diesem Verletzten steht es zu, solche Wertungen auszusprechen und deren Wirksamkeit einzufordern. Alles andere ist selbstgefälliges Geschwätz und kollektives Heuchlertum. Weil es halt so einfach ist, zu verzeihen, wenn es nicht um die eigene Haut oder die eigene Seele oder gar um beides geht.

Sowohl ‘Rache’ wie ‘Verzeihen’ sind Rechte, die einem einzelnen Menschen zustehen können – nie jedoch einem Kollektiv. Und sei es auch das Kollektiv, das ein eigentlich sympathischer Querdenker und eine christlich verseuchte Ideologie miteinander bilden.