Vorlesen

Der Nikolaus hat mir, sinnigerweise, den “Gotteswahn” von Richard Dawkins gebracht. Das Buch hat mich gleich gefangen genommen. Es ist verstörend klar. Ich werde in den nächsten Tagen ein paar Gedanken dazu aufschreiben, nur in Punkto Thomas von Aquin widersprechen und am Schluss erklären, warum ich trotzdem Katholik bin. Als Vorgeschmack dies:

“Der Gott des Alten Testamentes ist […] die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf, ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker, ein rachsüchiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sodomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann” (S. 45).

Übertrieben? Hetzerische Sprache? Ich bin erschreckt, feststellen zu müssen, dass es Dawkins bei näherem Hinsehen, beim Absetzen der rosaroten Brille genau trifft. Ich hatte schon auf die extrem brutale und ungerechte Geschichte mit dem Goldenen Kalb hingewiesen (auch durch “gerechte Sprache” nicht zu schönen). Bei Dawkins finde ich den Hinweis auf eine andere Geschichte, keineswegs ein Einzelfall, in ihrer empörenden Grausamkeit allerdings ein trauriger Tiefpunkt. Ich kannte die Geschichte, habe sie aber verdrängt, in ihrer ganzen ethischen Verworfenheit nicht betrachtet:

“30 Und Jeftah gelobte dem HERRN ein Gelübde und sprach: Gibst du die Ammoniter in meine Hand, 31 so soll, was mir aus meiner Haustür entgegengeht, wenn ich von den Ammonitern heil zurückkomme, dem HERRN gehören, und ich will’s als Brandopfer darbringen. 32 So zog Jeftah auf die Ammoniter los, um gegen sie zu kämpfen. Und der HERR gab sie in seine Hände. […]
34 Als nun Jeftah nach Mizpa zu seinem Hause kam, siehe, da geht seine Tochter heraus ihm entgegen mit Pauken und Reigen; und sie war sein einziges Kind, und er hatte sonst keinen Sohn und keine Tochter. 35 Und als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sprach: Ach, meine Tochter, wie beugst du mich und betrübst mich! Denn ich habe meinen Mund aufgetan vor dem HERRN und kann’s nicht widerrufen. 36 Sie aber sprach: Mein Vater, hast du deinen Mund aufgetan vor dem HERRN, so tu mit mir, wie dein Mund geredet hat, nachdem der HERR dich gerächt hat an deinen Feinden, den Ammonitern.
37 Und sie sprach zu ihrem Vater: Du wollest mir das gewähren: Lass mir zwei Monate, dass ich hingehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielen. 38 Er sprach: Geh hin!, und ließ sie zwei Monate gehen. Da ging sie hin mit ihren Gespielen und beweinte ihre Jungfrauschaft auf den Bergen. 39 Und nach zwei Monaten kam sie zurück zu ihrem Vater. Und er tat ihr, wie er gelobt hatte” (Richter 11, 30-39, Luther-Bibel 1984).

Jedes Adjektiv, jedes einzelne, das Dawkins ausspricht, lässt sich an dieser Geschichte bewahrheiten.