»2 Und er [Gott] sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer. […] 9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz 10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. 12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen« (Gen 20, 1 Mose nach Luther-Bibel 1984; inhaltlich keine Abweichung zur Buber-Rosenzweig-Übersetzung).*
Jonathan Magonet sagt in »Die subversive Kraft der Bibel« (S. 43), diese Geschichte wirke »wie ein flammender Protest gegen das Kinderopfer überhaupt«. Eine wichtige Beweisführung besteht darin, dass der Gottesname in der Geschichte wechselt von »Elohim« (von Luther übersetzt mit: »Gott«) zu »Jahwe« (von Luther übersetzt mit: »Herr«). Elohim gibt den Opferungsbefehl, Jahwe bewahrt den Jungen vor dem Tod. »Bis zum Höhepunkt [war] Abraham so auf den Opferungsakt konzentriert, dass der Engel seinen Namen zweimal rufen musste, um ihn zu sich zu bringen.« Abraham wäre demnach ein besinnungsloser Elohim-Anhänger, der bekehrt wird.
1. Der Text spricht nicht von Bekehrung von einem zu einem anderen Gott.
2. Wäre Elohim ein wirklicher anderer Gott, würde der Monotheismus infrage stehen.
3. Wäre Elohim ein von Abraham fantasierter Gott, dürfte Abraham bis zu diesem Punkt nicht als rechtgläubig gelten. So hätte auch der Befehl zur Beschneidung keine Verbindlichkeit, denn er ist vorher ergangen. Oder konkurrieren Elohim und Jahwe fortwährend um Abraham?
4. Die Magonet-Interpretation muss den zweiten Teil des Verses 12 – »denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen« – ausklammern. Es ist der gleiche Gott. Er verzichtet auf die Ausführung des Opfers, weil es ihm als Beweis der Treue reicht, dass Abraham bereit war. Unter einem »flammenden Protest gegen das Kinderopfer« stelle ich mir etwas anderes vor.
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* Die parallele Stelle im Koran (Sure 37): »102 Als dieser [Ibrahims = Abrahams Sohn: Ismael? Isaak?] das Alter erreichte, dass er [der Sohn] mit ihm [Ibrahim] laufen konnte, sagte er [Ibrahim]: ›O mein lieber Sohn, ich sehe im Schlaf, dass ich dich schlachte. Schau jetzt, was du dazu meinst.‹ Er sagte: ›O mein lieber Vater, tu, was dir befohlen wird. Du wirst mich, wenn Allah will, als einen der Standhaften finden.‹ 103 Als sie sich beide ergeben gezeigt hatten und er [Ibrahim] ihn [den Sohn] auf die Seite der Stirn niedergeworfen hatte, 104 riefen Wir ihm zu: ›O Ibrahim, 105 du hast das Traumgesicht bereits wahr gemacht.‹ Gewiss, so vergelten Wir den Gutes Tuenden. 106 Das ist wahrlich die deutliche Prüfung.« Die beschwichtigende Interpretation, es habe sich ja nur um einen Traum (und keinen ausdrücklichen Befehl Gottes) gehandelt, verbieten die Worte »als sie sich beide ergeben gezeigt hatten« (103), »du hast das Traumgesicht bereits wahr gemacht« (104) und »so vergelten Wir den Gutes Tuenden« (105).
Comment / 12-09-2009 / 09:15
‘fallstudie isaak’: die imho grausigste episode, die fundamentale auflehnung gegen die an_nahme der ‘überlieferung’ provozieren kann (und bei mir auch hat):
>> “Oder konkurrieren Elohim und Jahwe fortwährend um Abraham?”
ja, eben: sie konkurrieren! wie ‘gott’ und ‘satan’ um den menschen oder ‘gottes’-furcht und -ächtung um seine seele oder recht und unrecht um sein tun …
ja, ‘Das ist wahrlich die deutliche Prüfung’ … des eigenen gewissens, das m. e. vor ‘gott’ besteht. zum beweis: die instinktive, unmittelbar kritische prüfung.
Comment / 12-09-2009 / 10:11
“des eigenen gewissens, das m. e. vor ‘gott’ besteht.”
Genau. Die Rechtsquelle ist außergesetzlich.
Die Interpretationen von Magonet und AlRahman verweisen auf eine ethische Entscheidung, dass Gott die Opferung in Wirklichkeit nicht gewollt haben kann und selektieren den Text solange, bis er wenigstens etwas besser in ihr Gottesbild hineinpasst.
Thomas von Aquin war da weiter. Er sagte, wir könnten nicht wissen, was Gott im Einzelnen wolle, dafür hätte er uns schließlich die Vernunft gegeben (den Gewissensbegriff in unserem Sinne kannte er noch nicht – vielleicht ganz gut, ich finde es klarer von Vernunft als von Gewissen zu sprechen).
Comment / 12-09-2009 / 10:47
Allein daß “Elohim” ein PLURAL ist, sagt doch wohl schon einiges über DIESEN angeblichen Gott.
Comment / 12-09-2009 / 11:44
Ob Singular oder Plural, einerlei, soziologisch gesehen geht es um Gefolgschaft: Für die Etablierung von Herrschaft ist es unabdingbar, die Verwandtensolidarität (segmentäre Opposition) aufzubrechen.
Comment / 12-09-2009 / 12:19
>> “dafür hätte er uns schließlich die Vernunft gegeben”
‘gegeben’? dann bleibt die religiöse be_fangenheit des grossen denkers und die frage, ob ein von ihm er_fahrener (?) gott sie uns aktiv gegeben hat oder ob sie ‘nur’ ein ergebnis evolutionärer anpassungsprozesse ist …
‘gewissen’ (statt vernunft) verwende ich übrigens deshalb, weil ich darunter so etwas wie eine ein_geborene waage verstehe, die mittels indirekter vernunft abwägt + entscheidet, im sinne eines mit_wissens (con_scientia) sozusagen.
für den skeptiker emile cioran z. b. war das gewissen das oszillierende attribut des menschen, für das er als einziges bereit war, seine zweifel an einer wirk_samen oder gar wirk_mächtigen existenz des von menschen überlieferten gottes zurückzustellen – nicht dauerhaft, aber immer öfter (-; . auch deshalb halte ich mich gern an den begriff.
Comment / 12-09-2009 / 12:36
Ein Plural ist viel angemessener.
Ein Wille nur, ein Geist nur, ein Urteil nur? Das wär ja geradezu kläglich.
Gott ist Vielheit über Zeit und Raum.
The all seeing Eye und zugleich alles zu Erfahrende. Objekt und Subjekt.
Alle Erdenklichkeiten inbegriffen und umgriffen. Jenseits von Gut und Böse. Gut und Böse sind nur flüchtige Aspekte, zeitweilige Teilerscheinungen.
Mensch weiß nur von Gott, insofern Gott im Menschen von sich selbst weiß.
Comment / 12-09-2009 / 12:48
“Ob Singular oder Plural, einerlei”
Du mich auch.
Comment / 12-09-2009 / 13:28
“Mensch weiß nur von Gott, insofern Gott im Menschen von sich selbst weiß.”
In deinem bedauernswerten Fall weiss Ich eben auch nichts von Mir,
nicht mal, daß ich nichts von Mir weiss.
Das, was mit meiner All-Gnädigen Erlaubnis unter dem “pan the ist” aufgeführt ist, sind im übrigen alles Attribute und Schöpfungen, und selbstverständlich gibt es derer viele, Urteile, Gut, Böse usw usw inbegriffen.
Etwas anderes hatte Ich auch nie von Mir behauptet.
Die Mehrzahl der Handlungen bedeutet jedoch nicht auch die Mehrzahl des Handelnden.
Und das ist meines Messers Schneide.
Comment / 12-09-2009 / 13:50
So Leute, jetzt will Ich Mich aber wieder um die wirklich wichtigen Dinge kümmern:
http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,666040,00.html
Comment / 12-09-2009 / 14:22
Der HERR denkt auch immer nur an das eine? das darf doch nicht wahr sein
…
Comment / 12-10-2009 / 00:13
Hatte das immer so verstanden, daß Gott hier (ausgedrückt durch den Namenswechsel) seine Haltung ändert, wie ja sein Verhalten gegenüber den Menschen auch unterschiedlich ist – der Europäer wurde sagen: sich im Laufe der Zeit verändert.
Comment / 12-10-2009 / 08:49
@ elsa: Mit Kant habe ich auch was übrig fürs Gewissen. Der Vorteil von “Vernunft” ist, dass sie einer Deutung des Begriffs als unbegründet-willkürliche Setzung vorbeugt.
@ Stefan Sedlaczek. Ja, so sieht es ja auch Magonet. Dagegen spricht aber »denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen«.
“ich” & “meinetwillen” = Identität (es ist der gleiche Gott)
“denn nun weiß ich” = er nimmt Bezug auf seine Intention bei der Forderung nach dem Opfer (nämlich Glaubensprüfung)
“hast deines einzigen Sohnes nicht verschont” = nimmt die Bereitschaft zur Opferung als ausreichend: du musst bereit sein, den Sohn um Gotteswillen zu schlachten, und wenn du es wirklich bist, dann erlässt Gott grädig die reale Ausführung.
Pingback / 12-10-2009 / 23:36
[...] ––––––– * Ich will nicht verschweigen, dass auch mit dem Tod bestraft werden soll, wer sein Kind opfert (20,2). Das wirft zusätzlich ein Licht moralischer Zweideutigkeit auf die Isaak-Geschichte (Gotteswahn III). [...]
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