Vorlesen

Lieber Richard, hier hast du echt Mist gebaut. Der Gottesbeweis vom »unbewegten Beweger« stammt nicht von Thomas, sondern von Aristoteles. Lasst ihn uns zur Kantischen »ersten unverursachten Ursache« verfeinern und mit Kant hinzufügen: Für unseren Verstand ist eine derartige Annahme zwar unabweisbar, damit ist aber deren reale Existenz nicht er|bewiesen.

»Einen Endpunkt der Regression zu postulieren und ihm einen Namen [nämlich Gott] zu geben, einfach weil wir einen solchen Endpunkt brauchen, [gibt] keinen Anlass, ihn mit den Eigenschaften auszustatten, die Gott normalerweise zugeschrieben werden« (Dawkins, S. 109).

Nee, nee, das hat Thomas auch gar nicht getan. Ich finde zwar die bei Thomas folgenden Deduktionen, aus denen sich nun diese Eigenschaft (Allwissenheit, Allmacht, Güte, Lebendigkeit, Willen etc.) ableiten, äußerst spannend, aber nicht blogg-geeignet (echt komplex und umfangreich); wen es interessiert, der kann ja die »Summe gegen die Heiden« lesen, das Buch, das mich zum Glauben missioniert hat.

Wichtig ist mir vielmehr der Kernpunkt, die Erschließung der Rechtsquelle: Da wir unsere Vernunft von Gott haben und Gott uns nicht belügt, darum kann kein Wort von ihm der (natürlichen, ohne Offenbarung informierten) Vernunft widersprechen. So interpretiert (und selektiert) Thomas die Schrift: Sie kann der Vernunft nicht widersprechen; wenn sie es zu tun scheint, interpretieren wir so lange, bis sie übereinstimmt. Die Rechtsquelle (und die Quelle der Interpretation) ist einzig und allein die Vernunft.

»Wer seiner Vernunft folgt, ist Gott gehorsam« (Thomas von Aquin). Also auch und gerade du, lieber Richard, mehr als die Eiferer, die Menschen verfolgen und mit dem Tod bedrohen, nur weil sie anders denken oder anders handeln, als sie selbst es für richtig halten.

Der Gläubige darf sich nie auf die Schrift berufen und schon gar nicht in Wörtlichkeit verlieren. Tut er dass, wird er ein Ungläubiger.