Vorlesen

Eine Fallstudie zur Problematik, einen heiligen Text in wörtlicher Weise als Richtschnur des Handelns zu nehmen. Beispiel: Neues Testament. Thema: Ehescheidung.

1. Mt 5: »31 Es ist auch gesagt (5. Mose 24,1): ›Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.‹ 32 Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.«
Eindeutig: Der Satz widerspricht dem älteren Gebot eines heiligen Textes (auf dessen Grundlage sonst argumentiert wird).
Eindeutig: Scheidung eines Mannes von seiner Frau wegen Ehebruchs (andere Übersetzungen sagen: Unzucht) ist erlaubt.
Nicht ganz so eindeutig: Ist gemeint, dass ein Ehebruch der Frau vorausgegangen sein muss? (Wahrscheinlich ist das gemeint, aber nicht gesagt. Es könnte dem Wortlaut nach auch sein, dass der Mann selbst Ehebruch begeht und sich danach scheidet.)
Uneindeutig: Kann sich auch die Frau vom Mann scheiden lassen, wenn er Ehebruch begeht?
Uneindeutig: Kann eine wegen Ehebruchs rechtmäßig geschiedene Frau von einem anderen Mann wieder geheiratet werden?

2. Mk 10: »11 […] Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht ihr gegenüber die Ehe; 12 und wenn sich eine Frau scheidet von ihrem Mann und heiratet einen andern, bricht sie ihre Ehe.«
Eindeutig: Es gibt keine Ausnahme wie bei Matthäus.
Eindeutig: Das Verbot gilt beiderseitig.
Frage: Was denn nun? Matthäus oder Markus?

3. Lk 16: »18 Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht die Ehe; und wer die von ihrem Mann Geschiedene heiratet, der bricht auch die Ehe.«
Eindeutig: Wie bei Markus gibt es keine Ausnahme.
Uneindeutig (anders als bei Markus): Was gilt für die Frau?
Zusatz: Es ergibt sich ein Problem aus dem Kontext der Stelle: »16 Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt, und jedermann drängt sich mit Gewalt hinein. 17 Es ist aber leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Tüpfelchen vom Gesetz fällt.« Denn: Im Gesetz ist die Ehescheidung erlaubt (5. Mose 24,1), sodass hier also doch ein Tüpfelchen vom Gesetz fällt. Lukas leugnet hier schlicht, was Matthäus und Markus zitieren: dass laut Tora die Scheidung generell erlaubt ist.

Unklarheiten, innere Widersprüche, Widersprüche zwischen den kanonischen Evangelien: Wörtlichkeit ergibt keine Handlungsanweisung. Die Rechtsquelle ist außergesetzlich, nämlich, laut Thomas von Aquin, die Vernunft (Gotteswahn VI).