Alles rüstet sich hektisch auf ein urgemütliches Weihnachtsfest und die Jahresrückblickindustrie lässt ihre Wort- und Bildarchive schon ‘mal kräftig probequalmen. Dem folgend, habe ich heute morgen – einem nervösen Impuls nachgebend, der mich zu nachtschlafender Zeit in die Kälte der Netzwelt trieb – zurückgeblickt auf ein netztechnisch konfuses Jahr, ein Zwischenjahr, das als Brücke gesehen werden könnte, wenn denn die Ufer, auf denen die ersten und letzten Brückenpfeiler befestigt sein sollten, irgend eine definitive Form, eine Begründbarkeit, Belastbarkeit haben würden und nicht wilder Treibsand wären …
Aber aus meinem theoretischen Gewurstel, meinem Musikantenstadel und der in diesem heterogenen Schaffen trotz aller Unvermitteltheit vermuteten Einheit hat heute morgen ein Text eine Vision für’s nächste Jahr gekeltert: Dirk Baecker – Possen im Netz. Gekeltert heisst jedoch nicht: ge- oder erklärt. Da gibt’s noch viel zu tun. Und dieses posting soll nur eine Richtung andeuten, in die ich mich nicht erst noch neu ausgerichtet bewegen muss, sondern die meinen Weg und meine selbst unverstandene Intention des ablaufenden Jahres abbildet. Nur zwei kurze Passagen, die in ihrer gedrängten Art kaum spontane Klarheit erzeugen, aber Begrifflichkeiten und Sicht- und Verfahrensweisen andeuten, denen ich mich im nächsten Jahr intellektuell wie künstlerisch nähern möchte:
Nicht um die Kunst von allen anderen Disziplinen zu unterscheiden, sondern um einen künstlerischen Aspekt zu erfassen, jenen der Produktion von Negativität, der dann unter Umständen auch in anderen Feldern sozialer Aktivität auffindbar ist, machen wir daher hier den Vorschlag, eine vierte Disziplin einzuführen, der wir den Namen der posse geben. Dieser Name orientiert sich an einem Vorschlag von Michael Hardt und Antonio Negri (2000: 408), von einer Posse immer dann zu sprechen, wenn man es mit Singularitäten zu tun hat, in der Regel bestehend aus einer Handvoll von Leuten, Ressourcen und Adressen, denen es in einer offenen Vielheit (multitude) von Möglichkeiten gelingt, etwas zu produzieren, das heißt ein Können, ein Potential (lat. posse) unter Beweis zu stellen. Die Wertung, die diese Disziplin der posse verfolgt, ist die der Schönheit (beauty), worunter wir innerhalb einer Logik der Negativität die Setzung eines Unterschieds zwischen dem Ungewöhnlichen (strange) und dem Vertrauten (familiar) verstehen. Dieses Verständnis des Schönen greift Konnotationen des Erhabenen, des Sublimen auf, das Kant als das Überwältigende, Erschreckende und Bewegende vom Begrenzten und Gefälligen des Schönen unterscheidet (Kant 1968: A 74 ff.). Possen, so wollen wir vorschlagen, arbeiten an einem Schönen, das gegen unser Interesse auf unser Interesse stößt und das insofern stört, aber als berechtigte und gut begründete Störung überzeugt. Sie dokumentieren einen Willen, der zwangsläufig negativ ansetzt, um sich vom bereits Vorhandenen zu unterscheiden, dabei jedoch ein positives Produkt produziert, das mit dem Vorhandenen abgestimmt ist und insofern aufgenommen und eingebettet werden kann. [...] Possen sind Disziplinen, die in Kunst und Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, Religion und Erziehung von Routinen abweichen und kreative Energien mobilisieren, die aus Spannungen zwischen Kommunikation, Psyche und Organismus resultieren, die nach Ausdruck und Ausgleich suchen. Das Schöne ist das überraschend Sinnvolle, das Angemessene im Umgang mit einer unruhigen Welt, das nach wie vor Unwahrscheinliche, aber evolutionär Gelungene und Stimmige. Man müsste eine neue logische Kategorie erfinden, um es zu beschreiben: eine kontingente Notwendigkeit, weder zufällig noch unmöglich.
Wenn ich im nächsten Jahr begriffen haben werde, was da durch die Wortbäume anheimelnd, bedrohlich und anverwandt hindurchschillert und das Begreifen produktiv geworden sein wird, dann … jööö, dann … Happy New Year!
Comment / 12-17-2009 / 09:38
na, wenn das, was in diesem freuden_paket von kombinierten text_eigen&fremd_teilen wahr wird, dann, YES (oder jööö), wird’s wirklich ein happy new year …
eine ‘posse’ wäre z.b.: ‘don’t miss your own life’! was gäb’s auch schlimmeres zu ver_fehlen? muss ja nicht g’rad so lackiert ‘rauskommen wie im video, aber anhören könnte es sich so:
http://www.youtube.com/watch?v=YFWxpD4Ogjo
(du bist ein kraft_protz
)
Comment / 12-17-2009 / 10:22
sorry, man,
die lady (in mir) wollte dich eigentlich ein ‘kraft_paket’ nennen, hat sich nur ver_tan
Comment / 12-17-2009 / 18:09
einer lady verzeih’ ich doch (fast) alles … zumal bei einem so geilen musikkehiNNweiß …
Comment / 12-17-2009 / 18:41
oh, man: thanks!
geil, gell? na, du weisst ja: Ruhe soll sein, wenn wir tot sind …
übrigens: ich sehe den wald vor lauter Wortbäumen (oder sind’s schachtel_halme in verdichtetem schilf?) – jedenfalls: noch nicht*. ich bin aber sicher, du wirst ihn uns lichten!
*selten einen so schweren text vorgesetzt bekommen
…
Comment / 12-18-2009 / 09:38
@ elsa
haben…
danke für die Offenheit
@ andreas
ich habe es jetzt schon den zweiten tag versucht und inzwischen einen knoten im gehirn. und der mann schreibt noch mehr so. ist der text vielleicht eine lebende posse im bleichen netz? oder bleiche netzpotenz??? woher kommt nur das schwimmende gefühl, ich könnte das vielleicht schon mal im traum gemascht
Pingback / 12-18-2009 / 11:56
[...] gibt es auch andere, die Nachts im Netz unterwegs sind: “Schlaflos in Hannover“. Und ich habe mir dann beim Denken diesen Knoten ins Gehirn gemacht … Knoten im [...]
Comment / 12-18-2009 / 16:37
@ JeannieU
so von induzierter kommentatorin zu kommentatorin gesprochen: die kunst_volle totale auf viele knoten macht es aber doch extra_schwer – findest du nicht? ich glaub’, ich wünsch’ mir zu weihnachten wieder so eine landschafts_beschneiungs_glas_halbkugel, wie ich sie als kind mal hatte. (da war überhaupt vieles einfacher.)
Comment / 12-19-2009 / 19:06
@elsa
mir sprudeln halt die bilder so flott von den fingern, wie dem baecker die worte. aber auch ich hatte sehnsucht nach einfachem, wortlosem schnee – real zudem – und didn`t miss my life … bei einer langen wanderung in den schweigenden elbmarschen.
@ andreas
zählt das deiner meinung nach zu den possen im netz, wenn du eine gedicht-verzerrung von mir vertonst, aufführst und elsa dann den bogen mit einer rumpelstilzchen-klammer schließt? oder habe ich baecker komplett mistverstanden?
Comment / 12-19-2009 / 21:41
wenn du mich fragst
: du kannst den baecker gar nicht missverstanden haben. “Das Schöne ist das überraschend Sinnvolle, das Angemessene im Umgang mit einer unruhigen Welt … ”
Ich würde ja behaupten, dass das schon immer so war; denn ruhe war nie und das schöne ein trost. insofern backt auch baecker kleine (biss_feste) brötchen. aber wenn aus der negation kommende zusammen_künfte im netz eine ‘vierte disziplin’, die der ‘posse’ eben, erbringen könnten, das wär’ doch was, nicht wahr? also: happy new year!
Comment / 12-20-2009 / 17:07
eine posse ist eine aufführung: mit einem manifesten text und einem subkutanen subtext. der subtext ist das eigentliche netz (rissfest, morbid oder zügellos), der text das öffentliche tanzen auf jenem.
die ‘singularität’ bedeutet die spontane einzigartigkeit einer subtextlichen genossenschaftsbildung auf zeit und bei gelegenheit: es wird nicht mehr geheiratet oder vertraglich abgesichert: sondern frei ein stück des weges mit- und gegeneinader zurückgelegt.
das recht auf sezession wird mit der akzeptanz einer (quasi)vertraglichen bindung (stationäres, verkrustetes netz) aufgegeben – und sezession (straflos verlassen können) ist zentrum libertären lebens: man kann nur lieben, was man verlassen kann.
bluBB!
Comment / 12-20-2009 / 19:04
alles klar – echt! weiss gar nicht, warum der baecker so viele Seiten dafür gebraucht hat; hätt’ er’s mal gleich in die ullrich’sche komprimierungs_anlage gegeben … der out_put ist überzeugend kompakt und: easy to handle.
so come together, deviants of the inter_net
!
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