Es schneit. Zum ersten Mal in diesem Jahr. Die Flöckchen fieseln, treiben, trollen sich kapriziös, sacken tumb durch und tanzen Roch’n'Roll bisweilen, auch Samba und DiscoFox – alles gleichzeitig, betörend, verwirrend, leicht und gravitationsschwer. Überhaupt: Gravitation! Die fallen ja alle nach unten. Und irgendwann bleiben sie entindividualisiert, gestoppt, behindert auf den Strassen, Blumen und Menschen liegen. Werden abfällig gefegt, gehäuft, verballert (Schwiegermutter hat heute früh wegen des Schneefegers angerufen: ob der Vertrag unterschrieben ist? Jaaaaaa, natürlich, habe ich klugerweise rechtzeitig d’ran gedacht) – der Tanz der Natur gefriert im Getriebe menschlicher Necessitäten und kleinlicher gesellschaftlicher Usancen. Doch sobald mein Blick sich wieder in den schmalen Streifen Himmel zwischen den Häuserschluchten verguckt und des fortwährenden Naturfestes sich versichert, wird (nach einem kurzen gedanklichen Ausrutscher in die medial angeheizte Klimakatastrophik) der Kopf wieder klarer, unbenutzter, offener: Tanz, Trutz gegen die Naturnotwendigkeiten im Vollzug derselben, Freiheit als Tanz der Notwendigkeiten.
Einen Text lesen heisst, dem begrifflichen Schneegestöber offen zu lauschen (wenn der Text denn so freigiebig ist) – und erst nach solcher Faszination zur Erde zu blicken, der Gravitation nachzuspüren und den Reisigbesen bereitzustellen. Vom Faszinosum des Fremden über die städtisch festgelegten Putzverpflichtungsverordnung zur haftungsrechtlich bedenklichen Schneeballschlacht und dann wieder hinauf in den freien Horizont: nicht schon bei der ersten Schneeflocke nach dem Kästchen greifen, in dem sie umkommen wird. Ein guter theoretischer Text ist ein Begriffsroman – im Sinne etwa eines Liebesromans: da weiss man (wir setzten voraus, dass es ein guter Text sei) ja auch erst am Schluss, warum der erste Satz so formuliert ward, wie es der Autor getan hat. Und warum der zweite, und der dritte … so kreiseln wir durch die Texte wie kleine Schneeflocken – nur: wir führen uns Energien zu, die es verhindern können, dass wir auf dem Boden schmelzend krepieren, wir können unsere Lebensumwelt uns anpassen (wie sähe eine Schneeflocken-Traumwelt aus?) und in der gelungenen Anpassung ein wenig länger tanzen als der Schnee liegen bleiben wird. Aber was nützte uns das blanke Überleben, wenn wir vergässen, wozu wir überleben wollen?
Nach diesem Spintisieren werde ich mich jeZZe mit meinen noch recht ungelenken Beinen in’s reale Leben stürzen (vorweihnachtlicher Einzelhandel bis 22 Uhr) und auf den outdoor-Wegen versuchen, der Gravitation zu entkommen. Und auf diesem Wege werde ich tausende von Schneeflocken brutal zertreten.
Comment / 12-18-2009 / 11:13
… und siehe da: schneeflocken können sehr, sehr hilfreich sein. ich werde sie fangen und schmelzen und in flüssiger form dem canal’grande zwischen herz + hirn ein_speisen.
@ jeannieU: wo hast du nur diesen bruder her? ‘von der stange’ kann er nicht sein
…
Comment / 12-18-2009 / 11:37
kann ich so gar nichts für,
ich will den verschneiten knoten im gehirn mal visuell auf meiner website weitergeben …
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