Die Pericope Adulterae: »7:53 Und jeder ging in sein Haus. 8:1 Jesus aber ging nach dem Ölberg. 2 Frühmorgens aber kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm; und er setzte sich und lehrte sie. 3 Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber bringen eine Frau, die beim Ehebruch ergriffen worden war, und stellen sie in die Mitte 4 und sagen zu ihm: Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 In dem Gesetz aber hat uns Mose geboten, solche zu steinigen. Du nun, was sagst du? 6 Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. 8 Und wieder bückte er sich nieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie aber dies hörten, gingen sie, einer nach dem anderen, hinaus, angefangen von den Älteren; und er wurde allein gelassen mit der Frau, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich auf und sprach zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat niemand dich verurteilt? 11 Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!«
»6 Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen.«
Worin besteht die Versuchung? Jesus befindet sich in einer Zwickmühle: Er kann (a) dem Gesetz Moses zustimmen und stellt sich dann gegen das römische Recht (denn es ist den Juden nicht erlaubt, selbst Todesurteile auszusprechen und zu vollstrecken | das heißt auch, dass das Gesetz Moses in jener Zeit nicht zur Anwendung kommt) oder (b) das Gesetz Moses ablehnen und würde sich damit als Gotteslästerer outen. In beiden Fällen hätten sie etwas, »um ihn anzuklagen«.
Anmerkung: Die Vorschrift (Dtn 22,22) lautet: »Wenn jemand dabei ergriffen wird, dass er einer Frau beiwohnt, die einen Ehemann hat, so sollen sie beide sterben, der Mann und die Frau, der er beigewohnt hat; so sollst du das Böse aus Israel wegtun.« Da die Frau »beim Ehebruch ergriffen worden war« muss auch der Mann bekannt sein. Warum wird nur die Frau angeklagt? Ist das Teil der Versuchung? Oder bereits eine Angleichung an das römische Rechtsempfinden, das nur die Bestrafung der Frau und nicht die des Mannes beim Ehebruch für zulässig hält? (»Zulässig«, da die tatsächliche Bestrafung nach römischem Recht anders als im Gesetz Moses von der Entscheidung des Ehemanns abhängt.)
Wie ist überhaupt die Szene vorzustellen? Tritt der Hohe Rat (Sanhedrin) zusammen, um die Anklage zu verhandeln? Ist Jesus etwa Teil des Hohen Rates oder warum wird er gefragt? Ist er Anwärter, in den Hohen Rat aufgenommen zu werden? Würde der Hohe Rat der Entscheidung von Jesus folgen?
»6 […] Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.«
Ist das Trotz, Verachtung gegenüber den Anklägern? So habe ich die Geste intuitiv immer verstanden. Andere Deutung: Jesus schrieb die Sünden der Ankläger in den Staub. (Die für mich im Moment interessanteste These). Ich habe eine Interpretation gelesen, nach welcher diese Szene dazu da sei, dem gebildeten (griechischen) Leserpublikum deutlich zu machen, dass Jesus lesen und schreiben konnte.
»7 […] Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.«
Geniale Antwort, mit der Jesus sowohl die Frau als auch sich selbst rettet.
1. Sich selbst: Statt auf die »Versuchung« einzugehen, verstößt er weder gegen das römische noch gegen das mosaische Gesetz. »[…] Jesus aber sprach zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht.« Er stellt es hier besonders geschickt geradezu so dar, als schlösse er sich dem Urteil des Rates an: Er hat das Gesetz Moses nicht aufgehoben, sondern der Rat selbst.
2. Die Frau: Durch die Erinnerung daran, dass Recht umkehrbar sein muss, verhindert er ein Urteil über die Angeklagte.
3. Die jüdische Sündenlehre benutzt Jesus hier nicht, um einen Menschen zu verurteilen, sondern um ihn freizusprechen.
»11 […] Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!«
Sehr interpretationsbedürftig. Jesus sagt nicht »bricht die Ehe nicht mehr«, sondern allgemein: »sündige nicht mehr«. Zumindest Augustinus müssen Interpretationen der »Pericope Adulterae« geläufig gewesen sein, die eine Erlaubnis zum Sündigen einschlossen: »Einige Personen mit kleinem Glauben, oder eher Feinde des wahren Glaubens, fürchten, so meine ich, ihren Frauen wäre Straffreiheit vom Sündigen gegeben worden, und so entfernten die aus den Manuskripten des Herrn Tat der Vergebung gegenüber der Ehebrecherin, als ob jener, der sagte ›Sündige nicht mehr‹, damit die Erlaubnis zum Sündigen gegeben hätte.«
Comment / 12-20-2009 / 18:51
Danke, Stefan, dies ist ein widmungsreicher Tag (: … und ein aufschlussreicher dazu! Was mich momentan mehr als die diversen Interpretationen* am meisten beschäftigt (obwohl es ja schon einmal hier zu lesen stand), ist die Vermutung des Augustinus:
>> “… und so entfernten die aus den Manuskripten des Herrn Tat der Vergebung gegenüber der Ehebrecherin, als ob jener, der sagte ›Sündige nicht mehr‹, damit die Erlaubnis zum Sündigen gegeben hätte.”
Der folge ich begeistert, weil’s wahr sein wird und zumal die mit den Radier_gummis Männer waren! Wer käme sonst für die Abfälschung in Frage – wo Frauen doch gar keinen Zugriff auf die Manuskripte hatten (obwohl: in den Klöstern?) – und wenn also doch, dann hätten sie sich wg. der beinhart tradierten männlichen RechtsAutorität (gegenüber ‘SünderInnen’!) ja doch ergeben müssen …
Und alles nur wegen dieses blöden Apfels, den Adam ja nicht nehmen musste, aber doch genommen hat! Nicht etwa (auch) ihm, sondern den Frauen daraus einen Strick gedreht zu haben, ist wohl der initial ent_würdigende Akt in der Geschlechterbeziehungsgeschichte gewesen – auf den tausende von Jahren (plus Auftritt Jesus) folgen mussten, bis es zur immerhin rechtlichen Gleichstellung der Frau kommen konnte. Ist das nicht eine Schande … für Verstand und Vernunft?
* z.B. zum Finger im Sand: Ich persönlich glaube ja, dass Jesus nur deshalb in den Sand ge_grübelt hat, um dann (o.k.: in Abwägung) mit seiner genialen Bemerkung gross ‘rauszukommen (einer wie er wird nicht ganz uneitel gewesen sein); dafür spräche übrigens auch die englische Version, die ein: ” … as so he heard them not” einfügt …
Comment / 12-21-2009 / 07:36
Zusatz am Morgen: Ohne Punsch und Kritik am be_herrschenden Manne im Kopf finde ich ja die Interpretation mit dem erstrebten Bildungsnachweis (für die Griechen) besonders konstruiert …
Jeder, der mal im Sand gesessen hat, fängt wahrscheinlich automatisch an, ihn zu bekritzeln. Und wenn er dabei – auch plakativ, dekorativ – Zeit gewinnt, eine an ihn gerichtete (hier schwere, weil doppelbödige) Frage zu lösen, umso besser. Ich würde also nicht mehr hineinlegen als eine Denk_pausen_füllung, auch wenn’s Jesus war, der da dachte …
Es taucht in diesem Zusammenhang auch die Frage falscher oder übertriebener Ehrfurcht auf (wie @hanz sie im Bezug auf Kafkas ‘Vor dem Gesetz’ aufdeckt), und wer (der Interpreten) sie sich jeweils stellt, fragt sich doch zuallererst: wie gewinne ich mit welcher Auslegung am besten Herrschaft über die Seelen der ‘Un_gläubigen’ … Grund_substanz aller geheimnis_krämerischen Missionierung, die ich per se verabscheue.
Comment / 12-21-2009 / 08:26
Ach, wäre ich doch gleich Werbekaufmann geworden, um Herrschaft über die Seelen der Ungläubigen zu gewinnen. Da dürfte ich dann auch rund um die Uhr missionieren auf allen Kanälen, an Bushaltestellen, von Plakatwänden, flächendeckend rund um die Uhr eben -
ohne daß die aufgeklärten und gleichberechtigten Frauen und Männer es verabscheuen würden. Es muss halt nur um Unterwäsche gehn, oder Zahnpasta, 6-Packs oder sonst was sie eben spontan begreifen können.
Oh Mein Vater im Himmel,
warum bist Du kein Damenslip?
Comment / 12-21-2009 / 09:27
Aber @ Jesus (von Lazarett), Du selbst hast doch ein auf alle Menschen massgeschneidertes Sortiment vom Vater mitbekommen, und nur der so tief_greifende Über_eifer Deines Verkaufspersonals ist zu beanstanden; nach Art des Marabouts erzählt und weitererzählt, hätte die Story wahrscheinlich viel weniger schlimme Folgen produziert als diejenigen, die in den Geschichtsbüchern stehen, bzw. hier und da bis heute frauen_tugend_wächterisch wirksam werden sollen …
Den Schwein_kram an den Bushaltestellen möchtest Du doch im Ernst nicht vertreten – so als auch wieder nur von Männern für Männer gemachtes eye-catcherisches Dekor? Doch aber nicht von Seele! Oder doch? Frag mal Maria Magdalena … bevor Du’s tust (: !
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