Vorlesen

… hörte ich gerade in einer werbung, die ich nicht schnell genug wegdrücken konnte, um diesem unerträglichen getue zu entkommen. war wohl irgendetwas mit zahncrème.

keine bundesgesundheitsministerin kann spiessiger, kollektiver und verlogener sein, als dieses wortspiel. wohl mag man einwenden, dass der konsum von zahncrème gegenüber dem konsum von politik ein freiwilligerer sei. doch das ist nur ein reflex auf vorhandene machtverteilungen. hätte der zahncrèmehersteller das sagen, würde er anders reagieren (also etwa mögliche macht nicht in anspruch nehmen)? wohl kaum.

moral (als freiwillige zurücknahme möglicher machtergreifungen) ist nicht der realen verteilung der macht begrifflich abzuluchsen (indem die machtlosen die reale macht nur deshalb und umso lauter ablehnen, weil es nicht die ihre ist), sondern nur der grundsätzlichen ablehnung derselben. selbst der fast poetische spruch ‘die phantasie an die macht!’ versteht das nicht – denn es kann grausamste phantasien geben. und überhaupt: phantasie+macht=gulag!!! hitler, stalin, mao: alles romantiker. darum auch so zügellos, so masslos, so überschwappend.

die ablehnung der macht führt über das mikroskopische verständnis der machtausübung; auch und gerade als unvermeidlicher lebensäusserung lebendiger menschen. foucault ist ein meister dieses scheinschizophrenen gedenkes. wer einsieht, dass er das, was er leben muss, nicht leben will, kann wirklich das böse auf den raum beschränken, der unvermeidlich für’s eigene überleben ist – und gibt nicht dauernd aus purem übermut unverlagte zugaben ohne ende.

romantiker und buchhalter sind letztlich eines geistes.