Vorlesen

bei meinen ĂŒberlegungen, warum libertarismus irgendwie so uncool daherkommt, bin ich auf den gedanken gekommen, dass es an dem zentralen begriff desselben, dem des eigentums, liegen könnte.

ganz pragmatisch angefangen: wenn ich ein buch verkaufe, welche sicherheit habe ich, dass ich nicht hehlergeld annehme, geld also, das aus diebstahl oder betrug stammt? richtig: gar keine. ich vermute es lediglich. oder genauer: ich nehmen eine eigentumsfiktion fĂŒr bare mĂŒnze. dabei kommt es gar nicht darauf an, welche eigentumsideologie ich vertrete, eine christliche, eine marxistische oder eine libertĂ€re. keine eigentumsdefinition hilft mir in concreto auch nur ein zipfelchen weiter.

mit solcher tatsĂ€chlichen blindheit geschlagen kann das gesamtgesellschaftliche tauschgeschĂ€ft (wirtschaft) nur gelingen, wenn eine eigentumsfiktion in jedem einzelnen tauschfall vorausgesetzt wird – sozusagen der knappheitskommunikation nicht dadurch der boden unter den fĂŒssen entzogen wird, dass die zum zeitpunkt des tausches empfundene knappheit durch zu genaues und zeitaufwĂ€ndiges nachforschen der berechtigung der knappheitsverhĂ€ltnisse selber zum diskussionspunkt werden kann. wenn ich in einem geschĂ€ft eine uhr kaufe, frage ich doch nicht erst, ob diese uhr dem geschĂ€ftsinhaber auch wirklich (d.h. auf eine fĂŒr mich akzeptable art+weise) gehört (gibt es noch einen aktiven eigentumsvorbehalt des lieferanten? sind die uhren geklaut? ist der uhrenladen eg-gefördert (mit zwangsgeldern subventioniert)?) etc. – frage ich nicht: ich geld // er uhr: tausch!!! nur die ganz sensiblen fragen vielleicht, ob kinderarbeit oder sonstige unmĂ€ssige ausbeutung von mensch/tier/natur bei der produktion eine rolle gespielt haben könnten – nebenbei: an denen sollten sich die eigentumsfetischisten ein beispiel nehmen und ihre tauschaktionen unter hartes, faires eigentumsmoralkuratel stellen!

auch die kasuistische mĂŒhsal der generierung eines konsistenten immateriellen eigentumsbegriffes und erst recht die fastige unmöglichkeit der durchsetzung desselben im praktischen sollte zu denken geben: hier gibt es keine chance, eine tatsĂ€chliche knappheit kommunikativ befriedigend und befriedend zu behaupten (butter kann real knapp sein (lokale beschrĂ€nktheit), digital kopierbares nie (unbeschrĂ€nkte internationale)), um einen klassischen beidseitig knappheitsvermindernden tausch durch imagination der unumgĂ€nglichkeit desselben zu initiieren: er ist umgĂ€nglich umgehbar.

kurz: die dichotomie ‘eigentum/nichteigentum’ ist zwar notwendig fĂŒr das funktionssystem wirtschaft (wie die dichotomie ‘gut/böse’ fĂŒr die moral), aber der realitĂ€tsgehalt der in dieser dichotomie festgehaltenen eigentumsbehauptungen ist mehr als fabelhaft – selbst rothbard braucht in seiner politischen ethik viele buchseiten und viele kniffe (die allerdings in seiner privaten denklogik durchaus sauber und folgerichtig konstruiert sind), um aus dem dunkel der geschichte (und eigentum ist ein geschichtliches phĂ€nomen: wer hat wann geklaut, erbeutet, geschaffen, vererbt, erlogen, erfunden + verschenkt …) eine aktuell gĂŒltige eigentumslandschaft nach seinem gotteseigentumsbild zu kneten (Die Ethik der Freiheit, 2.Aufl. Academia Verlag 2000, S. 66 ff)

uncool an vielen emanationen des aktuellen libertarismus ist ihre rĂŒckstĂ€ndigkeit: sie orientieren sich theoretisch an den verhĂ€ltnissen einer mittelalterlichen stadt, eines kaiserlichen hoflieferanten oder eines biedermeierlichen tabakgeschĂ€ftes, nicht aber an einer weltweit gestreuten und von verschiedensten und sich widersprechenden quellen gespeissten knappheitskommunikation. es wĂ€re dringlich, dass auch die libertĂ€re wirtschaftswissenschaft mit einem ungemeinen sprung vom 19ten in’s 21te jahrhundert sprĂ€nge (mal vergessend, dass sie mit ontologischer arroganz sich als universell dĂŒnkend schon lĂ€ngst selbst erwĂŒrgt hat …)

never: ontologie, letztbegrĂŒndung + naturrecht. wer so spricht, versĂŒndigt sich gegen die einzelnen zappelnden helden und looser des augenblicks – wobei ich, der reife meiner leser vertrauend, davon ausgehe, dass der begriff des versĂŒndigens ein zartes schmunzeln in ihnen erzeugt und meine dichotomie von helden und loosern ein beachtliches stirnrunzeln …