bei meinen ĂŒberlegungen, warum libertarismus irgendwie so uncool daherkommt, bin ich auf den gedanken gekommen, dass es an dem zentralen begriff desselben, dem des eigentums, liegen könnte.
ganz pragmatisch angefangen: wenn ich ein buch verkaufe, welche sicherheit habe ich, dass ich nicht hehlergeld annehme, geld also, das aus diebstahl oder betrug stammt? richtig: gar keine. ich vermute es lediglich. oder genauer: ich nehmen eine eigentumsfiktion fĂŒr bare mĂŒnze. dabei kommt es gar nicht darauf an, welche eigentumsideologie ich vertrete, eine christliche, eine marxistische oder eine libertĂ€re. keine eigentumsdefinition hilft mir in concreto auch nur ein zipfelchen weiter.
mit solcher tatsĂ€chlichen blindheit geschlagen kann das gesamtgesellschaftliche tauschgeschĂ€ft (wirtschaft) nur gelingen, wenn eine eigentumsfiktion in jedem einzelnen tauschfall vorausgesetzt wird – sozusagen der knappheitskommunikation nicht dadurch der boden unter den fĂŒssen entzogen wird, dass die zum zeitpunkt des tausches empfundene knappheit durch zu genaues und zeitaufwĂ€ndiges nachforschen der berechtigung der knappheitsverhĂ€ltnisse selber zum diskussionspunkt werden kann. wenn ich in einem geschĂ€ft eine uhr kaufe, frage ich doch nicht erst, ob diese uhr dem geschĂ€ftsinhaber auch wirklich (d.h. auf eine fĂŒr mich akzeptable art+weise) gehört (gibt es noch einen aktiven eigentumsvorbehalt des lieferanten? sind die uhren geklaut? ist der uhrenladen eg-gefördert (mit zwangsgeldern subventioniert)?) etc. – frage ich nicht: ich geld // er uhr: tausch!!! nur die ganz sensiblen fragen vielleicht, ob kinderarbeit oder sonstige unmĂ€ssige ausbeutung von mensch/tier/natur bei der produktion eine rolle gespielt haben könnten – nebenbei: an denen sollten sich die eigentumsfetischisten ein beispiel nehmen und ihre tauschaktionen unter hartes, faires eigentumsmoralkuratel stellen!
auch die kasuistische mĂŒhsal der generierung eines konsistenten immateriellen eigentumsbegriffes und erst recht die fastige unmöglichkeit der durchsetzung desselben im praktischen sollte zu denken geben: hier gibt es keine chance, eine tatsĂ€chliche knappheit kommunikativ befriedigend und befriedend zu behaupten (butter kann real knapp sein (lokale beschrĂ€nktheit), digital kopierbares nie (unbeschrĂ€nkte internationale)), um einen klassischen beidseitig knappheitsvermindernden tausch durch imagination der unumgĂ€nglichkeit desselben zu initiieren: er ist umgĂ€nglich umgehbar.
kurz: die dichotomie ‘eigentum/nichteigentum’ ist zwar notwendig fĂŒr das funktionssystem wirtschaft (wie die dichotomie ‘gut/böse’ fĂŒr die moral), aber der realitĂ€tsgehalt der in dieser dichotomie festgehaltenen eigentumsbehauptungen ist mehr als fabelhaft – selbst rothbard braucht in seiner politischen ethik viele buchseiten und viele kniffe (die allerdings in seiner privaten denklogik durchaus sauber und folgerichtig konstruiert sind), um aus dem dunkel der geschichte (und eigentum ist ein geschichtliches phĂ€nomen: wer hat wann geklaut, erbeutet, geschaffen, vererbt, erlogen, erfunden + verschenkt …) eine aktuell gĂŒltige eigentumslandschaft nach seinem gotteseigentumsbild zu kneten (Die Ethik der Freiheit, 2.Aufl. Academia Verlag 2000, S. 66 ff)
uncool an vielen emanationen des aktuellen libertarismus ist ihre rĂŒckstĂ€ndigkeit: sie orientieren sich theoretisch an den verhĂ€ltnissen einer mittelalterlichen stadt, eines kaiserlichen hoflieferanten oder eines biedermeierlichen tabakgeschĂ€ftes, nicht aber an einer weltweit gestreuten und von verschiedensten und sich widersprechenden quellen gespeissten knappheitskommunikation. es wĂ€re dringlich, dass auch die libertĂ€re wirtschaftswissenschaft mit einem ungemeinen sprung vom 19ten in’s 21te jahrhundert sprĂ€nge (mal vergessend, dass sie mit ontologischer arroganz sich als universell dĂŒnkend schon lĂ€ngst selbst erwĂŒrgt hat …)
never: ontologie, letztbegrĂŒndung + naturrecht. wer so spricht, versĂŒndigt sich gegen die einzelnen zappelnden helden und looser des augenblicks – wobei ich, der reife meiner leser vertrauend, davon ausgehe, dass der begriff des versĂŒndigens ein zartes schmunzeln in ihnen erzeugt und meine dichotomie von helden und loosern ein beachtliches stirnrunzeln …
Comment / 07-30-2010 / 10:00
… und wenn diese fiktion als die darstellung eines sachverhalts ohne ĂŒberprĂŒfbare referenz, also ohne wirklichkeitsbezug, auch noch auf fiktivem boden stĂŒnde – was dann?
ich frage, weil ich jean jaques rousseaus diktum von den frĂŒchten, die allen gehören, wĂ€hrend der boden aber niemandem gehört fĂŒr unwiderlegbar richtig halte; es trĂ€gt einer ursprĂŒnglich vorgefundenen wirklichkeit rechnung. wie konnte er also je rechtens ‘eigentum’ werden? ist denn nicht alles, was als rĂ€uberisch angeeignet auf ihn baut, unrecht?
das grundĂŒbel aller gesellschaftsentwĂŒrfe und -vertrĂ€ge, dieses bei- oder abfallprodukt namens ungerechtigkeitsempfinden, hĂ€tte nicht entstehen mĂŒssen, wenn es idealerweise nach rousseau gegangen wĂ€re; aus dem entstandenen dilemma herausfĂŒhren wĂŒrde m. e. nur, das rad bis auf diese position zurĂŒckdrehen zu können.
bis dahin, pardon, können sich libertÀre (und andere) ihre theorien gern an den hut stecken
…
Comment / 07-30-2010 / 12:39
@Andreas
Dann ist ausnahmslos jeder Begriff, jede Differenzierung, jede Vorstellung “uncool” und “immateriell”, denn diese Dinge bilden die Welt nicht ab, “wie sie ist”, sondern sie sind immer nur Mittel der Betrachtung. Sie schaffen ĂŒberhaupt erst eine Möglichkeit wahrzunehmen, zu werten oder Sollensvorstellungen zu entwickeln.
Dem Begriff “Vergewaltigung” wirft man ja nun auch nicht vor, dass er nicht klĂ€ren kann, was Kachelmann mit seiner Ex-Freundin angestellt hat. Das ist gar nicht sein Zweck. Er ist vielmehr Ausdruck eines Interesses an Differenzierung und Wertung.
“LibertĂ€re Wirtschaftstheorie”?
Was verstehst du denn darunter?
. Sehr cool eigentlich.
David Friedman? Kann mir kaum einen Zukunftsgewandteren vorstellen als ihn. Letztes Buch bezeichnenderweise: “Future Imperfect. Technology and Freedom in an Uncertain World.” Oder seine positive, wertfreie Eigentumstheorie (“A Positive Account of Property Rights”
Oder Mises’ Praxeologie? Zeitlos. Da ist mir noch kein Fitzelchen untergekommen, das nicht ins 21. (22., 23…
Jahrhundert passen wĂŒrde. Ăkonomik gibt’s bei Rothbard auch nicht in “Ethics of Liberty”, sondern vielmehr in “Man, Economy and State” oder “Power and Market”.
Comment / 07-30-2010 / 13:38
In der “Praxis” (und wir wollen ja alle furchtbar praktisch sein), geht es ja wohl nicht um die FrĂŒchte an sich, sondern um die konkrete Pflaume am konkreten Baume, und die gehört ja wohl schlecht allen 7 Milliarden Menschen. Also wird es irgendeine Zuordnung und damit Ausschluss (Privatisierung) geben.
Oder wie dein Namensgeber in Bezug zu Proudhon schrieb:
“DafĂŒr schwindelt er Uns vor, die SozietĂ€t sei die ursprĂŒngliche Besitzerin und die einzige EigentĂŒmerin von unverjĂ€hrbarem Rechte; an ihr sei der sogenannte EigentĂŒmer zum Diebe geworden. (La propriĂ©tĂ© c’est le vol*); wenn sie nun dem dermaligen EigentĂŒmer sein Eigentum entziehe, so raube sie ihm nichts, da sie nur ihr unverjĂ€hrbares Recht geltend mache. – So weit kommt man mit dem Spuk der SozietĂ€t als einer moralischen Person. Im Gegenteil gehört dem Menschen, was er erlangen kann: Mir gehört die Welt. Sagt Ihr etwas anderes mit dem entgegengesetzten Satze: âAllen gehört die Welt”? Alle sind Ich und wieder Ich usw. Aber Ihr macht aus den âAllen” einen Spuk, und macht ihn heilig, so daĂ dann die âAlle” zum fĂŒrchterlichen Herrn des Einzelnen werden.”
Comment / 07-30-2010 / 15:00
bis zur ‘sozietĂ€t als einer moralische person’ wollte ich eben gerade nicht gehen, sondern entschieden festhalten, dass der boden, auf dem der pflaumenbaum steht, eigentlich (und praktisch) niemandes privateigentum sein konnte oder kann.
die pflaumen vom baum teilen sich die 7 milliarden menschen, indem sie sie arbeitsteilig etwa gegen chips (aller art) eintauschen. lediglich den gewinn/erlös und die daraus finanzierten produktionsmittel betrachte ich als ihr eigentum, und wie sie ihren gewinn reinvestieren, damit er sie ernÀhrt und sich vermehrt, soll ihnen so frei stehen, wie ein paar gesellschaftlich verbindliche ethik-regeln es zulassen.
(mein ‘namensgeber’ ist ĂŒbrigens nicht max stirner, sondern eine frei erfundene person, deren familienname mit s beginnt
Comment / 07-30-2010 / 16:41
Dass er es kann, ist doch praktisch milliardenfach bewiesen. UnzĂ€hlige PrivatgrundstĂŒcke existieren.
Boden ist auch nichts Besonderes. Praktisch alles Materielle stammt aus dem Boden und ist letztlich Boden.
Das Konzept “Tausch” beinhaltet ja das Konzept “Eigentum”.
Wieso sollte man jemandem etwas fĂŒr etwas bieten, das ihm gar nicht gehört?
Und man selbst könnte ja auch nichts anbieten. Wenn alle alles haben, erĂŒbrigt sich jeder Tausch.
Der Pflaumenbaum, der heute noch dasteht, der ist in einer eigentumslosen Welt morgen vielleicht schon abgehackt und verfeuert, falls er ĂŒberhaupt die Zeit zum Wachsen erhĂ€lt. Er mĂŒsste auch erst einmal gezĂŒchtet werden. Das braucht alles viel Zeit, Investition und Abgrenzung. D.h. Ausschluss von konkurrierenden Verwendungszwecken. Eigentum.
Comment / 07-30-2010 / 18:56
aber @ hanz, wie sollte der boden “nichts besonderes” sein, wenn davon und darauf doch, wie du selber angibst, alles kommt, fusst und baut? er ist er knapp, begrenzt, unvermehrbar und ausserdem basis aller fĂŒsse und allen praktischen handelns.
schon als kind habe ich nicht verstanden, dass das nachbarskind auf ‘eigenem’, ich aber auf ‘fremden’ grund spielte – immer diesen globus vor augen, der doch eigentlich niemanden gehören könne. was aus dem nichts (oder vom ‘lieben gott’
komme, also schon da war, als wir kamen, mĂŒsse doch fĂŒr alle gratis da sein usw.
wie auch immer. es wurden fakten geschaffen, auf dass jetzt die einen ihr leben in der gesellschaft der anderen von der ausgangslage her beginnen, nur ihren unterhalt sichern zu mĂŒssen, wĂ€hrend die anderen zusĂ€tzlich bodenpacht- oder mietkosten zu erwirtschaften haben. ich fand (und finde!) das nicht in ordnung, weil: boden eben doch etwas besonderes ist.
dass er in seiner imo durch nichts zu rechtfertigenden verfĂŒgbarkeit zu oder als privatbesitz auch DEN ‘nĂ€hrboden’, den URgrund fĂŒr neid und missgunst darstellt, also jeder befriedung im wege steht, ist der frĂŒhe ertrag meiner kindlichen ‘bodenbetrachtung’ und eine erfahrung, die wohl jeder irgendwann macht: dass DAS nicht ‘gerecht’ sein kann.
Das war der grund, weshalb ich der ‘notwendigen fiktion’ vom eigentum im verein mit rousseau die m. e. bodenloseste fiktion ĂŒberhaupt hinzufĂŒgen wollte …
Comment / 07-30-2010 / 20:25
Wenn ein StĂŒck Boden “knapp” ist, bedeutet das, dass es Zweckkonkurrenz darum gibt.
Wo ein Pflaumenbaum steht, kann nicht gleichzeitig auch ein Apfelbaum stehen oder ein FuĂballfeld oder ein Haus gebaut werden. Pflaume oder FuĂball.
Solange diese Entscheidung nur einen Akteur betrifft, mag das noch recht unproblematisch sein. Konfliktreich wird es, wenn mehrere Akteure um ein Mittel konkurrieren.
Eigentum ist nichts anderes als ein zeitweiliger, lokaler Konfliktausgang aus dieser Problematik, das Begraben des Hobbes’schen Kriegsbeils gewissermaĂen.
Comment / 07-30-2010 / 21:30
natĂŒrlich gibt es tolle libertĂ€re denker. so wie es auch tolles technisches knowhow zum thema autobau gibt. nur ist die gesellschaftliche realitĂ€t des autoverkehrs mit dem technischen wissen ĂŒber autos nicht eben gerade sehr kongruent.
um mehr ging’s mir fast nicht … fast …
Comment / 07-31-2010 / 07:22
“Diese Dinge bilden die Welt nicht ab, ‘wie sie ist’ … ” (hanz an Andreas). dasselbe scheint mir ganz besonders fĂŒr den gehalt und die betrachtungsweise von comment Nr. 7 (hanz) zu gelten. woraus ich fĂŒr mich den schluss ziehe: lieber “furchtbar praktisch” als furchtbar theoretisch.
“Pflaume oder FuĂball.”
nein, rousseau oder grundgesetz, Art. 14 Abs. 2 GG.
Comment / 07-31-2010 / 09:07
@ andreas
“um mehr gingâs mir fast nicht ⊠fast ⊠”
um was es dir im artikel ging (den ich hervorragend + auch ‘notwendig’ fand), meine ich verstanden zu haben – aber um was noch?
Comment / 07-31-2010 / 12:22
@Andreas
Auf wen soll sich denn diese Analogie konkret beziehen? Mir unklar.
Anyways.
oder ob er versucht, möglichst wertungsfrei IstzustĂ€nde oder Prozesse zu beschreiben. Wenn jemand bspw. alternative Verkehrsregeln entwirft (So sollte es sein), dann ist es doch albern, ihm vorzuwerfen, dass seine Verkehrsregeln nicht den Status-quo abbilden, er also keine IstzustĂ€nde beschreibt. NatĂŒrlich nicht. Man könnte höchstens einwerfen, dass diese alternativen Normen unlebbar bzw. völliger Schwachsinn sind oder dass sie einem schlicht nicht schmecken, nicht gefallen.
Man sollte jedenfalls unterscheiden, ob sich jemand im normativen, wertenden Bereich bewegt (Ethics of …
@”Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.”
Wie bereits geschrieben, die Fiktion schlechthin: “die Allgemeinheit”.
Eine konkrete StraĂe, ein konkretes Transportmittel oder ein konkretes Gut wird nie allen (der Allgemeinheit) dienen können, nicht mal ansatzweise.
Im Gegenteil, es wird Interessenskonflikte geben. Die politische Praxis in der BRD und anderswo zeugt davon ungezĂ€hlige Male, ja ist praktisch die Kultivierung und Potenzierung dieses Konflikts: Ein Ziehen und Zerren um Ressourcen, um Verteilung der SteuerpfrĂŒnde, um Vereinnahmung der Staatsgewalt, der Gesetzgebung im eigenen Interesse. Das sind so offenbar, so unzweifelhaft allesamt Partikularinteressen, dass man sich schon an den Kopf greifen muss, wenn solche naivsten SĂ€tze im GG ernstgemeinte Grundpfeiler einer Gesellschaft darstellen sollen.
Na ja, Hauptsache es klingt “cool”
.
Comment / 07-31-2010 / 22:10
@ hanz
wenn “allgemeinheit” eine fiktion ist: was ist das dann, was da um mich herum wuselt, sich öffentlich bemerkbar macht, gehört werden will und meinungen zum “gemeinwohl” hat, von denen die meisten identisch sind und also mehrheitlich = “allgemein” geĂ€ussert werden. demokratie will das so.
dann: “naivste sĂ€tze”? mag ja sein, aber gut gemeint. diesen hier betrachte ich als die wohlmeinende fixierung eines vorbehalts, unter dem eigentum stehen soll: den interessen der “allgemeinheit” nicht zu schaden.
ausserdem: setzt sich “allgemeininteresse” nicht folgerrichtig aus partikularinteressen zusammen? ich kenne es jedenfalls nicht anders. bei der art ihrer durchsetzung macht es imo keinen unterschied, ob sie vom staat oder der wirtschaft (oder im verein derselben) vertreten, bzw. angeschoben werden: konfliktkultivierungen bis hin zu gewollter intransparenz und -konfliktpotenzierungen durch rigide mehrheitsbeschaffer sind stilelemente des konkurrierens – “furchtbar praktisch” gesprochen …
Comment / 08-01-2010 / 08:25
Na ja, Hauptsache es klingt âcoolâ.
diese bemerkung fand ich ĂŒbrigens ziemlich uncool. es könnte in ihr ein arges missverstĂ€ndnis liegen. wer von autor ullrich als einem “farbtupfer” spricht, hat imho ihn und die varietĂ€t seiner anliegen wahrscheinlich nie verstanden.
Comment / 08-01-2010 / 17:21
Da ich nicht die Allgemeinheit bin, habe ich keine Ahnung, wer in deiner Umgebung so wuselt. Musste mal nachschauen. Beim Nachbarn auf’s TĂŒrschild schauen. Vielleicht sogar klingeln. Abwarten. Schauen. Die Allgemeinheit wird sicher nicht öffnen, sondern höchstens ein unterscheidbarer, abgrenzbarer Mensch mit Ansichten, Meinungen, Standpunkten, Interessen, Erfahrungen …
Manche Menschen wollen das so. Die Demokratie als Fiktion, Abstraktion kann nichts wollen, dazu fehlt ihr Körper, Kopf, Geist und Wille …
Aber was bedeutet das im konkreten Fall?
Die einen fĂŒhlen sich geschĂ€digt, wenn man irgendwo ein Atomkraftwerk hinstellt. Die andere fĂŒhlen sich geschĂ€digt, wenn man’s gerade nicht hinbaut, wenn man’s ihnen verbietet und stattdessen anderen Strom subventioniert. ergo: Nix allgemeines Interesse.
Wenn jemand ein GeschĂ€ft hat und daneben eröffnet ein neues GeschĂ€ft, in dem das Gleiche nur billiger verkauft wird, dann schadet man dem bisher etablierten GeschĂ€ft, setzt es unter Druck. SchlieĂt man hingegen den neuen Konkurrenten gewaltsam aus, schĂ€digt man ihn wiederum und andere Menschen.
Ein riesiger Wust an unterschiedlichsten, gegeneinander gelagerte Interessen spannt sich auf, wenn man genauer hinsieht. Und je genauer man hinsieht, um so wustiger wird alles. Wieder nix mit Allgemeinheit. Und so könnte man mĂŒhelos unzĂ€hlige weitere Beispiele auffĂŒhren.
Partikularinteresse oder Sonderinteresse ist das Gegenteil von Allgemeininteresse.
Halt das Besondere(=das nicht allen Gemeine) vs. das Allgemeine. Ansonsten wĂŒsste ich nicht, worĂŒber du ĂŒberhaupt sprichst
.
Comment / 08-01-2010 / 17:41
“wer von autor ullrich als einem âfarbtupferâ spricht, hat imho ihn und die varietĂ€t seiner anliegen wahrscheinlich nie verstanden.”
Naja, dazu mĂŒsstest du wiederum verstanden haben, was andere mit “Farbtupfer” meinen
.
Also ich wÀre nie so vermessen zu behaupten oder zu beanspruchen, jemanden völlig verstanden zu haben (Andreas schon gleich gar nicht).
Ansonsten wĂŒrde ich mich hier auch gar nicht erst zu Worte melden und nach KlĂ€rung suchen, denn es wĂ€re ja alles vornherein sonnenklar. Ich wĂŒrde nicht mal mehr hier lesen, weil nur dastĂŒnde, was ich eh schon erwarten wĂŒrde.
Comment / 08-01-2010 / 20:27
Wieder nix mit Allgemeinheit.
na ja, eigentlich schon. auf meiner suche nach brauchbaren definitionen des begriffs war ich nicht sehr erfolgreich. du negierst ihn, schreibst, es gebe ĂŒberhaupt keine ‘allgemeinheit’ und begrĂŒndest es aus deiner sicht auch noch ziemlich schlĂŒssig …
fĂŒr mich bleibt (selber denkend) ĂŒbrig, die ‘allgemeinheit’ zu einem begriff aus der politik und fĂŒr die politik zu erklĂ€ren: in der (fiktiven? existenten!) staats- und/oder gesellschaftsform namens demokratie ist der begriff der ‘allgemeinheit’ imo an den den begriff der bestimmenden ‘mehrheit’ gekoppelt – im sinne von ‘volkes stimme’ oder so. so wird mehrheit zu ‘allgemeinheit’ – fiktiv natĂŒrlich.
meine nachbarn und ich: was uns – abgegrenzte einheiten, die wir sind – zur ‘allgemeinheit’ macht, ist also die polit-konstruktion, in der man uns mit den nummern, die man uns gab, und den schikanen, die man uns bereitet, zu einer ‘allgemeinheit’ von mehrheitlich gleich gelagerten meinungstrĂ€gern hinzugeschnĂŒrt hat. das lassen wir, meine nachbarn und ich, mit uns machen, weil wir sehr stark vermuten, dass es keine vertrĂ€glichere form des zusammenbindens zu einer funktionierenden gesellschaft gibt und scheren uns – praktisch! – nicht weiter um die formale vereinnahmung. sich aber dialogisch-theoretisch auf den begriff einzulassen, ist, wie ich bemerke, wesentlich spannender
einen comment weiter schreibst du:
Naja, dazu mĂŒsstest du wiederum verstanden haben, was andere mit âFarbtupferâ meinen
das war recht leicht zu verstehen, denn du hast ja die bestimmung ‘deines’ farbtupfers genannt: “damit das ganze nicht so geschlossen wirkt”
Comment / 08-01-2010 / 20:40
p.s.: das war ein eine kursiv-eingrenzung zu wenig und ein smiley zuviel …
Comment / 08-01-2010 / 21:06
und das noch:
Ein riesiger Wust an unterschiedlichsten, gegeneinander gelagerte Interessen spannt sich auf, wenn man genauer hinsieht.
das dumme ist: das bleibt auch so – aus welcher ideologischen denkrichtung auch immer man es angehen und sortieren mag …
Comment / 08-02-2010 / 18:47
Schade “Andreas Ullrich”,
dass Du Bedingungen stellst,
wie ich hier zu kommentieren habe,
daher lese ich nur.
Comment / 08-02-2010 / 18:51
@mo
???
ich bin andreas ullrich (ohne anfĂŒhrungszeichen)
+
wo habe ich ‘bedingungen’ fĂŒr dich formuliert?
Comment / 08-02-2010 / 20:13
Also ich finde diesen Bohei ums Eigentum bei den LibertÀren auch, wörtlich: zum Davonlaufen. Der Eindruck entsteht, als handele es sich bei ihnen um hochpenible, verdauungsschwache Korinthenkacker. Als wÀren Eigentumsfragen nur rechtlich und nicht gerade auch ethisch von Belang!
Wenn ich bloss an die Sache mit den handtuchbelegten LiegestĂŒhlen denke, die hier mal verhandelt wurde! Ich ziehe es in so einer Bagatellangelegenheit allemal vor, spontan Ordnung herzustellen und mich zu einigen, wer wieso wann welches Eigentum, bzw. Recht an der Stuhlbelegung hat. Ein Handtuch als Substitut akzeptiere ich nicht, nur echte PrĂ€senz als Zeitvorteil. So einfach ist das.
Faktor Zeit: Wer zuerst kommt, den belohnt das Leben bekanntlich mit einem Liegeplatz …
Und so
sieht ein ordentlicher Haufen Merde aus. Man muss auch mal lassen und geben können, auch theoretisch …
Comment / 08-02-2010 / 20:27
So cool bin ich, wenn ich cool sein will. Nur das Gesetz ist noch cooler
::::
“Steht auf der Grenze ein
Baum, so gebĂŒhren die
FrĂŒchte und, wenn der
Baum gefÀllt wird, auch
Der Baum den Nachbarn
Zu gleichen Teilen.
Diese Vorschriften gelten
FĂŒr einen auf der Grenze
Stehenden Strauch auch.”
(§ 923 BGB: Buch 3: Sachenrecht: Eigentum: Inhalt des Eigentums)
Comment / 08-03-2010 / 09:54
@ Bourgeois,
bemĂŒhen sie sich nicht: ich weiss, was die stunde geschlagen hat, und die rousseau-anhĂ€nger unter den libertĂ€ren wissen es auch: eine globale revision des bodenrechts ist eine “fastige unmöglichkeit” (andreas ullrich) …
aber danke:
Comment / 08-03-2010 / 16:14
Da fĂ€ngt ja schon der Bereich der ungenierten LĂŒge an.
Wie kann Mehrheit Allgemeinheit sein? Vorallem wenn heutzutage eine “Mehrheit” manchmal nur noch eine anteilige Zustimmung von 20% und weniger bedeutet, wenn das, was zur Wahl vorgesetzt wird, gar nicht aus Optionen besteht, zwischen denen man wĂ€hlen mag, wenn man vielleicht sogar auf ganz andere Weise wĂ€hlen mag. Das angebliche “Bestimmen” wird da zur nĂ€chsten Illusion. Politik ist im Grunde eine Kunst oder Fertigkeit, Illusionen aufrecht zu erhalten.
Der WĂ€hler hat entschieden. Das Volk wollte es so. Zum Wohle aller.
Eine Illusion nach der anderen.
Die Frage ist sicherlich, ob das alles notwendige oder sogar eher schÀdliche Illusionen sind.
Wie kollidiert nun der bunte “Farbtupfer” Ullrich mit der “varietĂ€t seiner anliegen”?
Ich sage doch gerade, dass Andreas eine Bereichgerung fĂŒr ein libertĂ€res Multi-Autoren-Blog sein könnte, um es eben nicht eindimensional werden zu lassen. Das ist m.E. ja auch ein zunehmendes Manko bei ef-online. Man schwingt mehr und mehr in der gleichen Frequenz.
Comment / 08-03-2010 / 19:12
“Eine Illusion nach der anderen.”
es sind gar keine illusionen, sondern als lĂŒgen durchschaute, als entstanden oder geschaffen betrachtete fakten, mit denen man umgeht, solange man keine andere wahl hat. alle nachteile sowie die aktuellen diskrepanzen zur idee sind bekannt.
und was ja nicht unwichtig ist: sie gehören zum wesen der demokratie als – wie allgemein, also mehrheitlich (*g*) befunden: ‘zweitbeste’ form des relativ freiheitlichen organisierten zusammenlebens, zu der sich die ‘westlichen’ gesellschaften durchgerungen haben – von einem langen, zĂ€hen ringen kann man wohl sprechen …
weisst du die eine andere taugliche, nein, beste form der gesellschaftlichen organisation, die ja an sich wohl unverzichtbar ist? libertarismus ist in kleinen einheiten, aber in grossen gesellschaften nicht unisono zu leben, er ist und bleibt insofern eine realitÀtsferne utopie.
Wie kollidiert nun der bunte âFarbtupferâ Ullrich mit der âvarietĂ€t seiner anliegenâ?
ich sehe: man kann nicht genau genug sein: “aniagen und anliegen” wollte ich eigentlich schreiben und hab’s bei den anliegen belassen (die phonetische doppelung kam mir zu manieriert vor). als ‘farbtupfer’ schien er mir jedenfalls weit unter wert ‘verkauft. ich bedaure, wenn ich dich missverstanden habe!
btw: wie setzt man denn die zitate, wie du es tust, vor gelben grund? kannst du mich beraten?
Comment / 08-03-2010 / 21:16
Huch Andreas,
da bin ich wohl gerade etwas durcheinander geraten.
Pardon.
Comment / 08-04-2010 / 12:08
WeiĂ nicht, wie oft es hier schon geschrieben wurde: Libertarianismus ist im Grunde nichts weiter als das NAP: Don’t aggress!
Oder eben die Wertung: Gewaltinitiierung ist schlecht.
Das ist keine “Utopie”, da ĂŒberhaupt kein Gesellschaftsentwurf.
Ich habe auch noch nie den Vorwurf gehört, dass das “Du sollst nicht morden.” aus dem Dekalog eine “Utopie” wĂ€re. Klar gibt’s Mörder. Jede Menge. Und? Wird dadurch eine Moralregel Utopie? Die Moralregel hat sich ja gerade enwickelt, *weil* es den Mord gibt. Aber auch das schrieb ich ja schon mal (du bist doch elsa?). Und da wir jetzt dauernd beim Adorno sind: der schrieb mal sinngemĂ€Ă, dass man eine Gesellschaft dadurch erkennt, indem man erkennt, was sie gerade *nicht* ist. Allein das kann also schon eine Funktion des Libertarismus sein, die Gewalt, den Zwang, das Unerhörte in der heutigen Gesellschaft immer wieder kenntlich zu machen, zu sagen, so zivilisiert, wie ihr euch gebt, seid ihr gar nicht.
Und nein, ich weiĂ keine “beste form der gesellschaftlichen organisation”, da ich ĂŒberhaupt nicht daran interessiert bin, eine solche zu entwickeln, ja im Gegenteil, ich finde so etwas geradezu gefĂ€hrlich. Mein Bild von Gesellschaft ist ein anderes. Es geht eben nicht von einer TotalitĂ€t aus, sondern von Fragmenten, Teilen, die sich sich im Besonderen verbinden und wieder trennen. Das Ganze ist nicht zu haben, zu vermessen, zu steuern.
Das habe ich ja schon mal vor lĂ€ngerer Zeit hier versucht zu umreiĂen: http://blog.freiheitsfabrik.de/?p=1544
Unter “Leave a Reply” stehen die Formatierungsmöglichkeiten. Mit blockquote kann man zitieren. Kennst du dich mit html aus?
Comment / 08-04-2010 / 21:01
stimmt, @ hanz, es ist der haftende irrtum der elsa vom umsetzungswillen libertĂ€rer theorie in praxis, der sich bei mir zeigt – ohne, dass ich sie gewesen sein will *g*.
‘great’ ist und bleibt, was du schriebest und schreibst, bzw. zum xten mal wiederholst. mir gefĂ€llt diese haltung. ich kann sie mir nur nicht anziehen, weil ich – anders als du – der gesellschaft gegenĂŒber in einer erwartungshaltung stecke …
aber gut, dass du mich zurĂŒck auf den boden der tatsache holst, dass libertarIANismus nichts will*, sondern IST.
*allerdings: was wĂ€re die intensive beschĂ€ftigung mit fragen des rechts und des eigentums hier gewesen, wenn nicht doch die intention bestand, fĂŒr die praxis mit einem regelwerk aufwarten zu können? ich hab das immer so verstanden und vor allem: ich hĂ€tte es mir gewĂŒnscht.
Comment / 08-05-2010 / 13:38
Ja, also ich stecke in der Tat nicht “der Gesellschaft” (was immer das auch sein mag) gegenĂŒber in einer Erwartungshaltung, sondern höchstens gegenĂŒber konkreten Menschen, die mir halt ĂŒber den Weg laufen.
Wenn man es auf moralische Fragen ĂŒbertrĂ€gt:
Ich frage vorallem: Was soll ich tun? Und nicht: Was sollen *alle* tun zu *allen* Zeiten. Ein AbrĂŒcken von einem universalen Anpruch, der ja nur ĂŒberkandidelt sein kann.
Comment / 08-05-2010 / 18:23
das doch nicht! meine relativ unspezifische, unkategorische erwartungshaltung besteht darin, dass ich aus laufenden prozessen, je krasser sie sich darstellen, wachsende einsicht erwarte – mit der doch eigentlich erwartbaren folge, dass die leute ihre ‘einstellungen’ (auf betablocker, sedativa, doper *g*) und ihr wahl/verhalten ĂŒberdenken. mir liegt daran insofern, als falsche, bzw. als falsch erkannte entscheidungen der politik in der realen demokratie eben immer die sog. ‘allgemeinheit’, also die ‘mehrheit’ treffen – daneben, nicht darunter, eben auch mich.
also, ĂŒberspannt finde ich diesen anspruch nicht …
Comment / 08-05-2010 / 23:04
@hanz,
bitte “hanz”, erklĂ€re mir, was ein “konkreter Mensch” ist?
Im Grunde bin ich bei Dir, aber kannst Du mir erklÀren, warum Du das so kompliziert gestaltest?
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